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Ötzi starb nicht direkt am Fundort

Mehrere Aspekte der gängigen Szenarien stimmen nicht ganz

Ötzis FUndsttelle
Die berühmte Gletschermumie Ötzi wurde in dieser Senke auf dem Tisenjoch gefunden. Der rote Punkt markiert ihre Fundstelle. Aber wie kam Ötzi dahin? © Walter Leitner

Die gängigen Szenarien zur berühmten Gletschermumie Ötzi sind nur zum Teil korrekt, wie nun eine Neuauswertung der Funde und Daten nahelegt. Denn anders als gedacht starb der Kupferzeit-Mann nicht am Fundort, sondern rutschte erst Monate später in diese Senke auf dem Tisenjoch. Seine Mumie blieb zudem nicht die ganze Zeit unter dem Gletschereis eingeschlossen. Stattdessen taute sie mehrfach auf und wurde von Schmelzwasser umspült.

Die 1991 in den österreichischen Alpen entdeckte Eismumie Ötzi ist einer der berühmtesten Funde der Gletscherarchäologie – und der am besten untersuchte. Der gut konservierte Körper dieses vor 5.300 Jahren gestorbenen Mannes, seine DNA und seine Ausrüstung haben Archäologen einzigartige Einblicke in das Leben und die Todesumstände dieses Menschen aus der Kupferzeit gegeben. Wir wissen, woher er kam, was er aß, welche Krankheiten er hatte und wie er starb. Auch woher das Material für seine Kleidung und Waffen stammte, wurde inzwischen geklärt.

Ötzi
Nachbildung der Gletschermumie Ötzi in Fundlage. © MOs810/ CC-by-sa 4.0

Auffällige Diskrepanzen

Doch es gibt auch einige Aspekte von Ötzis Geschichte, die weniger klar sind. Dazu gehören vor allem die Umstände seiner Konservierung im Eis und die Frage, wie der Tote in die Senke auf dem Tisenjoch kam. Dem ursprünglichen, kurz nach seinem Fund aufgestellten Szenario zufolge starb Ötzi im Herbst, nachdem er vor Feinden in das Hochgebirge geflohen war. Er fiel in eine schneefreie Senke nahe dem Tisenjoch und wurde direkt anschließend von Schnee und Eis eingeschlossen und konserviert.

„Diese Geschichte, wie Ötzi durch eine Reihe glücklicher Umstände erhalten blieb, ist attraktiv und spannend“, sagt Lars Pilø vom norwegischen Amt für Kulturerbe. „Allerdings passt sie nicht zu dem, was wir heute über archäologische Gletscherfunde wissen.“ Anders als Ötzi blieben sie nur selten ununterbrochen eingefroren und auch die sofortige Konservierung im Eis ist eher ungewöhnlich. Hinzu kommt: Analysen von Pollenresten an der Gletschermumie haben inzwischen belegt, dass Ötzi nicht im Herbst, sondern im Frühjahr oder Frühsommer gestorben sein muss.

Pilø und seine Kollegen haben deshalb die Fundumstände von Ötzi und seiner Ausrüstung noch einmal näher untersucht. Dafür werteten sie die Ergebnisse der in den letzten 30 Jahren dazu erschienenen Publikationen, aber auch Erkenntnisse von anderen Gletscherfunden sowie meteorologische und glaziologische Daten aus. Die Ergebnisse bestätigten, dass einige Aspekte des gängigen Szenarios nicht stimmen.

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Fundstelle
Die Fundsenke war zu Ötzis Todeszeitpunkt mit Schneegefüllt, später auch mehrfach mit Schmelzwasser. © Pilø et al.

Über der Senke statt in ihr

Der erste Irrtum: Ötzi starb vor 5.300 Jahren nicht in der Senke, in der er später gefunden wurde. Denn zum Zeitpunkt seines Todes im Mai oder Juni war die Schneedecke auf dem Tisenjoch noch nicht abgetaut. Die Senke muss demnach noch von einer meterhohen Schneeschichte bedeckt gewesen sein. Als Ötzi starb, kann er nicht in die Senke gefallen sein, sondern blieb zunächst auf dem Schnee liegen. Erst als der Schnee während des Sommers schmolz, wurden sein Körper und der größte Teil seiner Ausrüstung vom Schmelzwasser in die Senke geschwemmt.

Das bedeutet: „Ötzi starb außerhalb der Senke oder genauer gesagt über ihr“, so Pilø und seine Kollegen. Gestützt wird dies unter anderem dadurch, dass Teile von Ötzis Ausrüstung außerhalb der Senke gefunden wurden. Zudem zeigt das Muster der an seiner Leiche klebenden Gräserreste, dass diese in Wasser schwammen, bevor sie sich auf die Oberfläche des Toten legten.

Keine Zeitkapsel im Eis

Und noch ein Aspekt der gängigen Ötzi-Geschichte ist falsch: Nach gängiger Annahme blieb die Gletschermumie die ganze Zeit vom Eis eines Berggletschers eingeschlossen. „Eine solche Zeitkapsel im Eis wäre für die Gletscherarchäologie aber sehr ungewöhnlich“, erklären Pilø und sein Team. „Denn glaziologische Fundstätten sammeln ihr Material normalerweise im Laufe der Zeit an und konservieren nicht nur ein einziges, isoliertes Ereignis.“

Tatsächlich legen Radiokarbondatierungen von Material aus der Fundstätte nahe, dass die Senke auf dem Tisenjoch mehrfach eisfrei war und neues Material eingeschwemmt wurde. Dies bestätigen auch klimatologische Daten. Ötzi lag demnach zwischendurch immer wieder frei und war der Witterung ausgesetzt. „Diese Schmelzphasen erklären auch die Schäden an seinem Körper und der Ausrüstung“, so das Team. Die kalte Hochgebirgsumgebung sorgte aber trotzdem dafür, dass Ötzi mumifiziert und weitgehend erhalten blieb.

„Ötzi bleibt der wichtigste archäologische Fund aus dem Eis. Aber die Umstände seines Funds und der Konservierung waren nicht so einzigartig wie zunächst angenommen“, konstatieren Pilø und seine Kollegen. Sie gehen davon aus, dass durch den Rückzug der Berggletscher künftig noch weitere Gletschermumien gefunden werden – auch in den Ötztaler Alpen. (The Holocene, 2022; doi: 10.1177/0959683622112613)

Quelle: Innlandet Fylkeskommune, Secrets of the Ice

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