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Neandertaler verspeisten auch Vögel

65.000 Jahre alte Vogelknochen mit Schnittspuren in der Schwäbischen Alb entdeckt

Hohle Fels
Eingang zur Hohle-Fels-Höhle in der Schwäbischen Alb. In ihr haben Archäologen Vogelknochen mit Schnittspuren des Neandertalers gefunden. © Henning Schlottmann /CC-by-sa 4.0

Nicht nur Mammutsteaks: Neandertaler waren vielseitigere und geschicktere Jäger als viele glauben. Denn neben großer Jagdbeute wie Mammuts, Wildpferden oder Wollnashörnern jagten die Eiszeitmenschen auch schon Vögel. Indizien dafür liefern jetzt Schnittspuren auf 65.000 Jahre alten Vogelknochen aus der Hohle-Fels-Höhle in der Schwäbischen Alb. Demnach verzehrten die Neandertaler dort sowohl Entenvögel als auch Raufußhühner, wie Archäologen berichten.

Die Neandertaler waren gute Jäger und vermutlich perfekt an das Leben unter eiszeitlichen Bedingungen angepasst. Doch was auf ihrem Speiseplan stand, ist strittig. Einige archäologische Funde und Isotopen-Analysen sprechen dafür, dass sie fast nur große Pflanzenfresser wie Hirsche, Rentiere, Wildpferde und Mammuts jagten und aßen. Andere Funde und Zahnanalysen sprechen dagegen für eine vielseitigere Kost, zu der auch Fisch, Nüsse und Pflanzen gehörten.

Knochen mit Schnittspuren
In der Höhle entdeckter 65.000 Jahre alter Laufbeinknochen eines Schneehuhns mit Schnittspur. © urmu/ Universität Tübingen

Vogelknochen aus der Zeit der Neandertaler

Jetzt liefern neue Funde aus der Schwäbischen Alb weitere Indizien für einen eher vielseitigen Speiseplan. Bei Ausgrabungen in der Hohle-Fels-Höhle stießen Archäologen um Nicholas Conard von der Universität Tübingen auf mehr als tausend Vogelknochen und ihre Fragmente. Diese Knochen lagen in einer Fundschicht, die auf rund 65.000 Jahre datiert wurde. Sie stammt demnach aus der Zeit vor Ankunft des Homo sapiens in Europa – aus der Ära der Neandertaler.

Nähere Analysen ergaben, dass die Vogelknochen vorwiegend von Entenvögeln und Raufußhühnern stammen, zu denen beispielsweise Schneehühner, Auerhühner und Birkhühner gehören. „Die meisten Spuren sprechen dafür, dass Gelenke auseinandergebrochen und Fleisch vom Knochen gelöst wurde“, berichtet Conard. Das spricht dafür, dass die Vögel größtenteils von Raubtieren in die Höhle gebracht und gefressen wurden.

Schneehuhn auf dem Speiseplan

Doch bei sechs dieser urzeitlichen Vogelknochen entdeckten die Archäologen etwas Besonderes: Diese Knochen wiesen Schnittspuren auf, wie sie beispielsweise beim Zerlegen eines Vogels mithilfe von Faustkeilen entstehen. Das legt nahe, dass hier Neandertaler am Werk gewesen sein müssen. Nach Ansicht der Wissenschaftler haben die Eiszeitmenschen demnach nicht nur Großwild, sondern auch flinke, wendige Kleintiere wie Schneehühner gejagt und gegessen.

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„Wahrscheinlich konnten schon die Neandertaler Vögel jagen, um sich neben dem Fleisch von Pferd, Rentier und anderem Großwild weitere Kalorien- und Nährstoffquellen zu erschließen“, sagt Conard. Das widerspreche gängigen Annahmen, nach denen diese Frühmenschen zu schwerfällig für so wendige Beute waren. Die Schnittspuren an den Vogelknochen sind der bislang beste Beleg dafür, dass die Neandertaler auch diese Tiere jagen konnten.

Mehr als nur Mammuts

Die Funde aus der Hohle-Fels-Höhle stützen damit die Hinweise auf einen durchaus vielseitigen Speiseplan der Eiszeitmenschen und fügen sich in eine Reihe von archäologischen Funden der vergangenen Jahre ein. Dazu gehören neben spezialisierten Knochenwerkzeugen auch Schmuckstücke aus Vogelkrallen und Federn.

„Wir müssen uns vom verbreiteten Bild des muskelbepackten Neandertalers mit einseitiger Vorliebe für Mammutsteaks lösen: Hochintelligente Jagdstrategien, das Bedürfnis nach Schmuck und, wie wir wissen, das Bestatten von Toten – all das weist die Neandertaler als flexible und symbolisch begabte Menschen aus, die weit mehr im Sinn hatten als das blanke Überleben“, konstatiert Stefanie Kölbl, geschäftsführende Direktorin des Urgeschichtlichen Museums Blaubeuren.

Die Vogelknochen aus der Hohle-Fels-Höhle wurden zum „Fund des Jahres“ gekürt und sind im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren ausgestellt.

Quelle: Eberhard Karls Universität Tübingen

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