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Kopflose Skelette im Siedlungsgraben

Ausgrabungen in der Slowakei enthüllen ungewöhnliches Massengrab der Jungsteinzeit

Skelette
Dies sind nur einige der kopflosen Skelette, die im Graben einer jungsteinzeitlichen Siedlung in der Slowakei gefunden wurden. © Dr. Till Kühl, Ur- und Frühgeschichte/Uni Kiel

Rätselhafter Fund: Bei Ausgrabungen in der Slowakei haben Archäologen ein ungewöhnliches Massengrab aus der Jungsteinzeit entdeckt. Denn fast allen ungeordnet in den Siedlungsgraben geworfenen 38 Toten fehlte der Kopf – ein für die Jungsteinzeit völlig neues Phänomen. Ob die vor rund 7.000 Jahren Gestorbenen rituell geköpft, im Krieg ermordet oder nach ihrem Tod enthauptet wurden, ist noch völlig unklar. Ebenso, ob diese Toten Ortsfremde waren oder Dorfbewohner.

Krieg, Morde und brutale Verstümmelungen gab es schon in der Frühzeit unserer Spezies, wie Skelettfunde aus der Steinzeit belegen. So zeugt ein Massengrab am Turkanasee in Afrika von einem Massaker vor 10.000 Jahren, bei dem ein ganzes Dorf getötet wurde. In der Jungsteinzeit vor rund 7.000 gab es auch hierzulande gleich mehrere Massentötungen, darunter im heutigen Hessen und in Halberstadt. Meist wurden die Opfer dabei mit zertrümmerten Knochen und Schädeln in Gruben geworfen.

Siedlungen
Vráble-Ve`lke Lehemby war in der Jungsteinzeit eines der größten Siedlungsgebiete Mitteleuropas.© Karin Winter, Ur- und Frühgeschichte/ Uni Kiel

Ausgrabungen in jungsteinzeitlichem Siedlungsplatz

Ein selbst für die Jungsteinzeit sehr ungewöhnliches Massengrab haben nun jedoch Archäologen um Projektleiter Martin Furholt von der Universität zu Kiel in der Slowakei entdeckt. Schon seit einigen Jahren führen sie Ausgrabungen in Vráble-Ve`lke Lehemby durch, einem Ort, an dem vor 7.250 bis 6.950 Jahren einer der größten Siedlungsplätze der frühen Jungsteinzeit in Mitteleuropa lag. 313 Häuser in drei Dörfern wurden bereits mittels geomagnetischer Messungen identifiziert. Bis zu 80 Häuser waren gleichzeitig bewohnt – eine außergewöhnliche Einwohnerdichte für diese Zeit.

Die südwestlichste Siedlung unterschied sich von den anderen, weil sie von einem 1,3 Kilometer langen, doppelten Graben umgeben war. Einige Bereiche waren zudem mit Palisaden verstärkt, was die Forschenden als Abgrenzungsmarkierung des Dorfbereiches interpretieren. Schon 2021 hatten die Archäologen neben normalen Gräbern auch einige Skelette im Siedlungsgraben entdeckt.

38 Skelette im Massengrab, 37 davon ohne Kopf

Doch was die Archäologen im Jahr 2022 bei erneuten Ausgrabungen in Vráble fanden, überraschte selbst sie: Im Graben der befestigten Siedlung stießen sie auf 38 weitere Skelette, die ungeordnet übereinander, nebeneinander, gestreckt auf dem Bauch, gehockt auf der Seite, auf dem Rücken mit abgespreizten Gliedmaßen im Graben lagen. Ihre Position legt nahe, dass die meisten in den Graben geworfen oder gerollt wurden – aber alle Toten waren kopflos. Nur in Kleinkind besaß noch seinen Schädel.

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„Wir haben mit weiteren menschlichen Skeletten gerechnet, doch dies übertraf alle unsere Vorstellungen“, berichtet Furholt. Menschliche Skelettfunde aus Gräben sind aus der frühen Jungsteinzeit durchaus bekannt, doch das Muster der fehlenden Köpfe ist völlig neu.

Massengrab
Was steckt hinter diesem Massengrab? Und warum sind die Toten kopflos?© Prof. Dr. Martin Furholt, Ur- und Frühgeschichte/Uni Kiel

Todesumstände rätselhaft

Was steckt dahinter? Wurden diese Menschen gewaltsam getötet, vielleicht sogar enthauptet? Wie und zu welchem Zeitpunkt wurden die Köpfe abgetrennt? Oder fand die Enthauptung erst nach der Verwesung der Leichen statt? Gibt es Hinweise auf die Todesursachen, wie einer Krankheit? „Bei einigen Skeletten ist der erste Halswirbel erhalten, was eher auf eine sorgfältige Abtrennung des Kopfes als auf Köpfung im gewalttätigen, rücksichtslosen Sinne hinweist“, berichtet Furholt. „Aber all dies sind sehr vorläufige Beobachtungen.“

Unklar ist auch, ob diese Toten alle auf einmal starben und in den Siedlungsgraben geworfen wurden oder aber im Laufe mehrerer Ereignisse, vielleicht sogar über viele Generationen hinweg. „Mehrere Einzelknochen ohne Skelettverbund lassen vermuten, dass der zeitliche Ablauf komplexer gewesen sein könnte“, erklärt Furholts Kollegin Katharina Fuchs. „Möglicherweise wurden skelettierte Leichen in die Mitte des Grabens geschoben, um Platz für neue zu schaffen.“

Menschenopfer, Krieg oder Totenkult?

Theoretisch könnte mehrere Szenarien erklären, wie diese jungsteinzeitlichen Menschen zu Tode kamen. „Es mag naheliegen, ein Massaker mit Menschenopfern, vielleicht sogar in Verbindung mit magischen oder religiösen Vorstellungen, zu vermuten“, sagt Co-Projektleiterin Maria Wunderlich. Möglicherweise gab es in der Linearbandkeramiker-Kultur dieser Region einen Totenkult, für den die Schädel abgetrennt und rituell verwendet wurden.

„Auch kriegerische Auseinandersetzung können eine Rolle spielen, zum Beispiel Konflikte zwischen den Dorfgemeinschaften, oder auch innerhalb dieser großen Ansiedlung“, sagt die Archäologin. Denkbar wäre sogar, dass die Schädel der Toten von Kopfjägern entfernt wurden. „Es gibt viele Möglichkeiten und es ist wichtig, offen für neue Erkenntnisse und Ideen zu bleiben. Unstrittig ist aber, dass dieser Fund für das europäische Neolithikum bisher absolut einzigartig ist.“

Herkunft der Toten noch unbekannt

Zur Lösung dieses Rätsels könnte es hilfreich sein, zu wissen, wer die Toten waren. Waren sie ähnlichen Alters oder repräsentieren sie einen Querschnitt durch die Gesellschaft? Waren sie miteinander oder mit anderen Toten von Vráble verwandt? Waren sie Einheimische oder kamen sie von weit her? War ihnen eine ähnliche Ernährung gemeinsam? Kann von der Totenbehandlung eine soziale Bedeutung abgeleitet werden?

Antworten erhoffen sich die Archäologen von detaillierten archäologischen und osteologischen Untersuchungen, Analysen der DNA, Radiokarbondatierungen und Isotopenanalysen von Knochenproben. Erst basierend auf den interdisziplinären Forschungsergebnissen seien weitere Überlegungen zur Bedeutung und Interpretation sinnvoll, so die Forschenden. Noch besser wäre es, die fehlenden Köpfe der Toten zu finden. „Hierfür haben wir jedoch wenig Hoffnung. Dennoch hat Vráble uns so oft überrascht, wer weiß, was die Fundstelle noch für uns parat hält“, sagt Furholt.

Quelle: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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