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Erster vollständiger Satz des Alphabets entdeckt

Elfenbeinkamm aus dem alten Kanaan trägt Inschrift gegen Läuse

Elfenbeinkamm
Dieser 3.700 Jahre alte Elfenbeinkamm aus Israel ist mit einem Satz in einer Frühform des Alphabets beschriftet.© Dafna Gazit/ Israel Antiquities Authority

Spannender Fund: Archäologen haben in Israel eines der ältesten Zeugnisse des Alphabets entdeckt – und den ersten vollständigen Satz aus diesen Buchstaben. Er steht auf einem rund 3.700 Jahre alten Elfenbeinkamm, der in Tel Lachisch gefunden wurde. Die Inschrift liefert erste Einblicke in die Sprache der alten Kanaaniter und in die frühen Entwicklungsstufen der Alphabet-Buchstaben. Zudem verrät der Satz, dass der Elfenbeinkamm einst gegen Läuse verwendet wurde.

Die Wiege unseres Alphabets liegt in der Levante. Dort entwickelten Menschen semitischer Kulturen um 1.800 vor Christus das Prinzip der alphabetischen Schrift. Deren Zeichen waren nicht bildhaft-symbolisch wie die ägyptischen Hieroglyphen oder Silbenlaute wie die sumerische Keilschrift, sondern abstrakte Buchstaben, wie wir sie noch heute nutzen. Auf die ersten Buchstaben „Aleph“ und „Bet“ dieser Schrift geht noch heute der Name „Alphabet“ zurück. Mit den Phöniziern breitete sich das Alphabet über den gesamten Mittelmeerraum aus.

Tel Lachisch
In diesem Hügel liegen die Ruinen der alten Kanaaniterstadt Tel Lachisch. © Emil Aladjem

Elfenbeinkamm aus der Kanaaniterstadt

Bisher zeugten nur Funde von Tonscherben und ein Bronzedolch mit einzelnen, eingeritzten Worten von der Frühzeit der Alphabet-Entwicklung. Doch nun haben Archäologen unter Leitung von Yosef Garfinkel von der Hebräischen Universität Jerusalem erstmals eine Inschrift mit einem ganzen im frühen Alphabet geschriebenen Satz entdeckt. Den Fund machten die Forschenden bei Ausgrabungen im israelischen Tel Lachisch, einem im zweiten Jahrtausend vor Christus wichtigen Stadtstaat der Kanaaniter. Der Ort gilt als eine der Wiegen des Alphabets.

Bei dem Fundstück handelt es sich um einen rund 3.700 Jahre alten Kamm aus Elfenbein. Der rund 3,5 mal 2,5 Zentimeter große Kamm trägt zwei einander gegenüberliegende Zinkenreihen, eine mit gröberen und eine mit feineren Zinken. Die gröbere Seite des Kamms wurde wahrscheinlich zum Entwirren von Kopf- und Barthaaren eingesetzt. Die feinere dagegen diente als Läuse- und Nissenkamm, wie es sie heute noch gibt. Davon zeugt auch der Fund einer fossilisierten Läusenymphe zwischen den Zähnen dieser Kammseite.

Ein ganzer Satz aus sieben Wörtern

Das Entscheidende jedoch: Auf dem zentralen, glatten Teil des Kamms sind 17 flach eingeritzte Schriftzeichen zu erkennen, die in zwei Kopf an Kopf stehenden Reihen angeordnet sind. Die ein bis drei Millimeter hohen Buchstaben entsprechen einer frühen Form des kanaanitischen Alphabets und bilden sieben Wörter, wie die Archäologen berichten. Übersetzt lautet der in kanaanitischem Dialekt geschriebene Satz: „Möge dieser Kamm die Läuse aus Haar und Bart entfernen.“

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„Dies ist der erste kanaanitische Satz, der jemals gefunden wurde“, sagt Garfinkel. „Die Inschrift auf dem Kamm ist ein direkter Beleg für die Nutzung des Alphabets im Alltag schon vor 3.700 Jahren. Das ist ein Meilenstein in der Geschichte der menschlichen Schrift.“ Einige der Schriftzeichen wie Mem, Tav oder Shin haben schon die noch heute in der hebräischen Schrift gebräuchliche Form, andere sind Vorformen der später genutzten Buchstaben.

In mehrerer Hinsicht aufschlussreich

Nach Angaben der Archäologen bestätigt dieser Fund, dass die Kanaaniterstadt Tel Lachisch eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Alphabets spielte. Der Satz auf dem Elfenbeinkamm ist eines der ältesten und längsten Zeugnisse der Schriftnutzung in dieser Region. Gleichzeitig ist der Satz der erste Fund einer Inschrift, die direkt beschreibt, zu welchem Zweck der beschriftete Gegenstand diente – in diesem Fall der Entfernung von Läusen.

Die Tatsache, dass der Läusekamm aus dem Elfenbein eines Elefantenstoßzahns gefertigt war, verrät zudem, dass er einst einem wohlhabenden, zur Oberschicht gehörenden Besitzer gehörte. Denn solche Luxusobjekte wurden damals importiert und waren daher nur für die Eliten erschwinglich, wie Garfinkel und seine Kollegen erklären. (Jerusalem Journal of Archaeology, 2022; doi: 10.52486/01.00002.4)

Quelle: Hebrew University of Jerusalem

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