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Ephesos: Über 1.400 Jahre alter Stadtteil entdeckt

Frühbyzantinisches Geschäfts- und Lokalviertel schlummerte unter Brandschicht

Grabungsareal
Das Grabungsareal am Domitiansplatz in Ephesos: Hier lag früher ein Geschäftsviertel. © ÖAW-ÖAI/ Niki Gail

Spektakulärer Fund: Archäologen haben in Ephesos ein Stadtviertel aus dem Jahr 614/615 nach Christus entdeckt. Das Geschäfts- und Lokalviertel war unter der dicken Asche- und Rußschicht eines Brandes konserviert und offenbart nun unter anderem spätantike Pilger-Souvenirs, Amphoren mit eingesalzenen Makrelen und einen kleinen Schatz an Kupfermünzen. Der Stadtteil wurde damals offenbar plötzlich zerstört, womöglich bei einem Überfall der verfeindeten Sasaniden.

Unter der türkischen Stadt Ephesos ruhen die Überreste einer bewegten Historie. In der Antike zählte der Artemis-Tempel von Ephesos sogar zu den Sieben Weltwundern. Immer wieder stoßen Archäologen auf spektakuläre Zeugen der Vergangenheit, darunter die berühmten Hanghäuser oder der Schatz in der Paulusgrotte.

Krüge
Ein Set aus Krügen und Bechern, das im Lagerraum gefunden wurde. Im angrenzenden Schankhaus servierte man sie der Kundschaft gefüllt mit Wein. © ÖAW-ÖAI/ Niki Gail

Geschäftsmeile unter einer Brandschicht

Ein neuer Fund bietet jetzt einen noch genaueren Einblick in die Vergangenheit. Sabine Ladstätter von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und ihr Forschungsteam stießen bei Ausgrabungen am Domitiansplatz in Ephesos auf ein ehemaliges Geschäftsviertel. Die Ausgrabungen gehören zu einem größeren Forschungsprojekt, das herausfinden soll, wie sich Ephesos zwischen der römischen Kaiserzeit und der Spätantike veränderte. Die Wissenschaftler ordnen den Fund des alten Stadtteils als die bedeutendste Entdeckung in der Stadt seit 50 Jahren ein.

Das Geschäftsviertel wurde laut ihnen im Jahr 614/615 nach Christus offenbar plötzlich zerstört. „Der archäologische Befund zeigt uns eine massive Brandzerstörung, die plötzlich, dramatisch und folgenschwer gewesen sein muss“, erklärt Ladstätter. Die mächtige Brandschicht, die sich damals über Häuser und Hausrat legte, hält das Viertel auch heute – über 1.400 Jahre später – noch in hervorragendem Zustand. Das ermöglicht den Wissenschaftlern eine besondere Momentaufnahme der frühbyzantinischen Geschäftswelt von Ephesos. Das Geschäftsviertel sei dadurch sogar mit den Ausgrabungen in Pompeji vergleichbar, wo Vulkanasche die letzten Momente der Einwohner verewigte.

Goldmünzen und Pfirsichkerne

Anders als in Pompeji sind die Archäologen in Ephesos allerdings nicht auf menschliche Überreste gestoßen. Stattdessen fanden sie im rund 170 Quadratmeter großen Areal mehrere Geschäftslokale. Zu den ausgegrabenen Räumen zählen eine Garküche, ein Lagerraum, ein Schankhaus, ein Geschäft für Lampen und christliche Pilgerandenken und eine Werkstätte mit angeschlossenem Verkaufsraum.
Die Mauern einzelner Räume haben immer noch eine Höhe von über drei Metern.

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Zum Zeitpunkt seiner Zerstörung muss das Geschäftsviertel noch in voller Blüte gestanden haben, so Ladtstätter und ihre Kollegen. Das würden die gefundenen Münzen vermuten lassen, die sonst nicht einfach so zurückgelassen worden wären. In mehreren Geschäftskassen befanden sich insgesamt über 700 Kupfermünzen, außerdem vier zusammengehörige Goldmünzen.

Pilgerampulle
Die christlichen Pilgerampullen konnten um den Hals getragen werden. Sie enthielten geheiligte Substanzen, wie etwa heiligen Staub. © ÖAW-ÖAI/ Niki Gail

Auch sonst offenbarte sich dem Forschungsteam unter der Brandschicht eine große Vielfalt an Haushaltsgegenständen. Dazu gehören tausende Geschirrteile und Lebensmittelreste, etwa in der Form von Herzmuscheln, Austern, eingesalzenen Makrelen, Pfirsich-, Oliven und Mandelkernen sowie verkohlten Erbsen. Ebenfalls besonders spektakulär: Rund 600 kleine Pilgerfläschchen, die christliche Wallfahrer in einem der Läden kaufen konnten und dann um den Hals trugen.

Rätsel der Stadtgeschichte gelöst

Doch woher stammte die massive Brandschicht, die all diese Relikte unter sich begrub? Ein Erdbeben kann laut Archäologen als Ursache ausgeschlossen werden, da sie weder verschobene Mauern noch aufgewölbte Böden vorfanden. Auch menschliche Leichen hätten sich im Falle eines Erdbebens in den Überresten des Stadtviertels finden lassen müssen.

Einen womöglich entscheidenden Zeitzeugenbericht geben aber freigelegte Pfeil- und Lanzenspitzen ab. Diese könnten von persischen Sasaniden stammen, die in das Geschäftsviertel eingefallen sein und es zerstört haben könnten. Sollte dies der Fall sein, würde das ein Rätsel der Stadtgeschichte lösen, so Ladstätter.

Denn: Bisher ließ sich zwar „archäologisch beobachten, dass die Stadt im 7. Jahrhundert sprunghaft kleiner wurde und der Lebensstandard deutlich gesunken war, jedoch waren die Gründe dafür nicht klar. Man wird diese Zäsur in der Stadtgeschichte von Ephesos nun wohl mit den Sasanidenkriegen in Zusammenhang bringen müssen“, erklärt die Archäologin.

Quelle: Österreichische Akademie der Wissenschaften

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