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Lautäußerungen und Gesten als mögliche Vorläufer

Woraus entstand die Sprache?

Eines der noch ungelösten wissenschaftlichen Rätsel ist die Entstehung und Evolution menschlicher Sprache. Antworten darauf suchen Wissenschaftler heute unter anderem mit dem sogenannten vergleichenden Ansatz. Sie untersuchen dabei die Komplexität von Kommunikationssystemen anderer Tiere, um dann Rückschlüsse auf die kommunikativen Fähigkeiten und die Komplexität unserer menschlichen Vorfahren zu ermöglichen.

Schimpansenjunges, aufgenommen nahe einer biologischen Feldstation in Uganda © Simone Pika

Die zurzeit vorherrschenden Theorien zur Sprachevolution sehen Vorstufen menschlicher Sprache in Lautäußerungen (Vokalisationen), Gesten oder einer Kombination aus Vokalisationen und Gestik. Die Mehrheit vergleichender Studien zur Sprachevolution widmete sich bisher vorwiegend der Erforschung von Vokalisationen nicht-menschlicher Primaten. Die meisten dieser Studien zeigten jedoch, dass nicht-menschliche Primaten weder die Vokalisationen lernen, die sie produzieren, noch deren Struktur willkürlich verändern können. Diese vergleichenden Vokalisationsstudien tragen daher bisher nur bedingt zur Lösung des Rätsels der Sprachevolution bei.

Gestikuliert wird fast überall

Interessanterweise wird gesprochene Sprache jedoch in allen bekannten Kulturen von distinkten Bewegungen der Hände, Arme und des Kopfes, sogenannten Gesten, begleitet. Gesten werden als in Bewegung übertragene Gedanken interpretiert und dienen dazu, spezifische Aspekte zu unterstreichen, zu illustrieren und zu ergänzen. Und auch Kleinkinder beginnen bereits Gesten zu nutzen, noch bevor sie ihre ersten Worte sprechen. Diese typischen Bewegungen sind damit ein entscheidender Teil des menschlichen Sprachsystems.

Forscher stellten bereits 1996 fest, dass beispielsweise das Greifen – sowohl wenn wir es selbst ausführen als auch wenn wir es bei anderen beobachten – im Gehirn eine Reaktion in und nahe dem Sprachzentrum auslöst. Warum aber ist diese Geste ausgerechnet dort verankert, wo normalerweise nur gesprochene Sprache verarbeitet wird? Verletzungen des Brocazentrums führen zudem nicht nur zu Sprachstörungen, sondern auch dazu, dass sich die Betroffenen nicht mehr in Zeichensprache ausdrücken können. Nach Ansicht der Forscher spricht daher vieles dafür, dass das Brocazentrum für multimodale Steuerung der Kommunikation – also sowohl akustisch, gestisch als auch mimisch – verantwortlich ist.

Auch Orang-Utans nutzen Gesten zur Kommunikation © Kabir Bakie / CC-by-sa 2.5 us

Auch Affen nutzen Gesten

Die Nutzung von Gesten ist von mehreren Affenarten bekannt. Siamangs beherrschen beispielsweise 20 verschiedene Varianten, bei Orang-Utans sind bisher rund zehn Gesten im Freiland beobachtet worden. Einige dieser Gesten sind dabei gruppenspezifisch, andere sogar relativ individuell. Oft variieren die Affen ihre Gesten je nachdem, ob ihr Gegenüber gerade ohnehin gerade hinschaut oder aber ob seine Aufmerksamkeit erst geweckt werden muss.

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Der Forscher Michael Tomasello schrieb erst kürzlich: „Ich persönlich verstehe nicht, wie irgendjemand bezweifeln kann, dass Affengesten – in ihrer ganzen Flexibilität und Sensibilität gegenüber der Aufmerksamkeit der anderen – und nicht Affen-Vokalisationen – in all ihrer Inflexibilität und Ignoranz der anderen – die Vorlage sind, aus der sich die reichhaltige und komplexe menschliche Kommunikation und Sprache entwickelt haben.“

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Simone Pika, Max-Planck-Institut für Ornithologie
Stand: 13.07.2012

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Das Geheimnis der Gesten
Was Kommunikation bei Tieren über die Wurzeln der Sprache verrät

Woraus entstand die Sprache?
Lautäußerungen und Gesten als mögliche Vorläufer

"Schau mal da!"
Hinweisende Gesten als Vorform der Sprache?

Schlaue Raben
Kommunikationstalente im schwarzen Federkleid

Moosstücke und Stöckchen
Auch Raben nutzen hinweisende Gesten

Gesten als Partnertest
Warum die Raben gestikulieren - und was man daraus lernen kann

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