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Wirkstoffentwicklung mit Abkürzung

Was die Zweitverwertung alter Mittel so interessant macht

Die Entwicklung neuer Medikamente ist aufwändig, langwierig und teuer: Von der Entdeckung eines potenziellen Wirkstoffs bis hin zu seiner Einführung auf dem Markt können leicht zehn Jahre vergehen und Milliarden Euro an Forschungsgeldern fließen. Hinzu kommt, dass die Wirkstoffforschung aller technologischen Innovationen zum Trotz paradoxerweise immer langsamer und kostspieliger wird.

Forschung
Die Suche nach einem medizinischen Wirkstoff ist oft langwierig und teuer. © Scanrail/ istock

Dem sogenannten Eroom-Gesetz zufolge verdoppeln sich die damit verbundenen Kosten alle neun Jahre – ein Trend, der erstmals in den 1980er Jahren beobachtet wurde. Eroom heißt diese Gesetzmäßigkeit dabei aus einem ganz bestimmten Grund: Es ist Moore rückwärts geschrieben. Das nach Gordon Moore benannte Mooresche Gesetz beschreibt den exponentiellen Fortschritt in Technikbereichen wie der Transistorentwicklung und steht damit im krassen Kontrast zu dem in der Medikamentenentwicklung beobachteten Phänomen.

Zweckentfremdete Medikamente

„Für jeden für Forschung und Entwicklung ausgegebenen Dollar kommt Schätzungen zufolge heute im Schnitt weniger als ein Dollar an Wert zurück“, erklären Forscher um Sudeep Pushpakom von der University of Liverpool in einem Fachartikel in „Nature Reviews Drug Discovery“. Umso verlockender ist die Aussicht, diesen Prozess effizienter machen zu können – zum Beispiel durch die Zweckentfremdung bereits existierender Wirkstoffe: Fachleute sprechen von „Drug Repositioning“ oder „Drug Repurposing“.

Wissenschaftler nutzen dabei die Tatsache, dass ein Medikament meist mehr als eine Wirkung hat und viele molekulare Mechanismen zu einer Reihe unterschiedlicher Erkrankungen beitragen können. Bereits zugelassene oder in klinischen Studien zumindest als sicher erwiesene Wirkstoffe für neue Anwendungsgebiete zu entdecken, hat dabei viele Vorteile. So wurden diese Stoffe bereits intensiv geprüft. Ihre Zusammensetzung ist ebenso bekannt wie mögliche schädliche Nebenwirkungen.

Vorteile für Patient und Entwickler

Dieses Vorwissen führt nicht nur dazu, dass das Risiko zu scheitern geringer ist. Es können auch einige Schritte des herkömmlichen Entwicklungsprozesses übersprungen oder erheblich verkürzt werden. Bleiben Dosierung und Darreichungsform vergleichbar, entfallen zum Beispiel die Tests zur Sicherheit.

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Das kommt im Idealfall den Patienten zugute, für die schneller neue Therapien zur Verfügung stehen. Denn Experten zufolge kann sich die Entwicklungszeit durch diesen Ansatz im Schnitt von über zwölf auf sechs Jahre halbieren. Gleichzeitig profitieren die herstellenden Pharmakonzerne, weil sie dadurch enorm viel Geld sparen. Schätzungen zufolge kostet es durchschnittlich 300 Millionen US-Dollar, ein umfunktioniertes Medikament weiterzuentwickeln und für ein neues Krankheitsbild zuzulassen. Für einen komplett neu entwickelten Wirkstoff liegen die Kosten dagegen bei zwei bis drei Milliarden.

Hoffnung für seltene Krankheiten?

Dies könnte auch die Entwicklung von Medikamenten für Erkrankungen erschwinglicher machen, die bisher oft vernachlässigt werden: die sogenannten Seltenen Krankheiten. Leiden wie Chorea-Huntington oder Neurofibromatose betreffen einer gängigen Definition zufolge höchstens eine unter 2.000 Personen – und sind für die Pharmaindustrie daher aus kommerzieller Sicht häufig uninteressant. Gerade Initiativen für die Erforschung solcher Krankheiten setzen daher große Hoffnung in das unentdeckte Potenzial alter Medikamente.

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Schöne Nebenwirkung
Neue Anwendungsgebiete für alte Medikamente

Wirkstoffentwicklung mit Abkürzung
Was die Zweitverwertung alter Mittel so interessant macht

Die Tausendsassa unter den Medikamenten
Überraschende Indikationen für Viagra, Aspirin und Co

Kandidaten zum Umfunktionieren gesucht
Wie Forscher nach neuen Einsatzmöglichkeiten für alte Mittel fahnden

Große Chance mit vielen Herausforderungen
Was der Forschung an alten Verbindungen im Weg steht

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