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Wiederauferstehung eines Ur-Waldes

Der späteiszeitliche Paläowald Reichwalde

So wertvoll die Baumringe als Datenspeicher sind, so schwierig ist es auch, repräsentative Aussagen aus alten Holzfunden abzuleiten. Denn Holz ist kein sehr beständiges Material, es verrottet leicht. Je weiter man in die Vergangenheit zurückblicken möchte, desto schwieriger wird es, eine ausreichend große Menge an Holz für komplette Jahrringreihen zusammenzutragen, die nicht nur die Datierung der Holzfunde erlaubt, sondern auch die Erkenntnis über das Zusammenwirken bestimmter Ereignisse, die in den Jahrringen festgehalten sind.

Schatz aus dem Tagebau

Holzstümpfe aus dem Paläowald vor Braunkohlekraftwerk © J. Liptak, LfA Sachsen

Ein einmalig umfangreicher Holzfund wurde vor wenigen Jahren in Reichwalde im Nordosten Sachsens gemacht. Hier in der Lausitz liegt eines der größten Braunkohlereviere Deutschlands, bis heute wird noch Kohle abgebaut. Während die Bagger vorrücken, schneiden sie immer wieder auch alte Moore an, die durch das abgesenkte Grundwasser ausgetrocknet sind. 1997 entdeckten sächsische Archäologen dabei zufällig große Mengen Holz, die im Moor steckten und sich im Nachhinein als das Relikt eines Waldes erwiesen, der bereits am Ende der letzten Eiszeit existiert hat.

Außergewöhnlich war bei diesem Fund nicht nur das Alter der Bäume – die ältesten Stämme waren bis zu 14.000 Jahre alt. Auch die Anzahl der einzelnen Fundstücke, die auf einem Gebiet von mehr als zwölf Quadratkilometern nach und nach zutage kamen, stellte alle bisherigen Ausgrabungen dieser Art in Deutschland in den Schatten. Die Universität Hohenheim, das Umweltforschungszentrum Leipzig und das Archäologische Landesamt Sachsen, sind seit der Entdeckung dabei, die Geschichte dieser Jahrtausende alten Kulturlandschaft zu rekonstruieren.

Ur-Mensch im Ur-Wald

Denn seit dem Ende der Eiszeit wurde das Gebiet um Reichwalde auch von Menschen besiedelt. Die Forscher gehen davon aus, dass einst Jäger und Sammler den Wald durchstreiften und später das Holz nutzten, um ihre Siedlungen zu bauen. So wurden beispielsweise Überreste einer Holzbrücke gefunden, die zum Überqueren eines Flusses genutzt wurde. Die Brücke wurde 927 Jahre vor Christus gebaut und muss sehr lange in Betrieb gewesen sein, weil sie mindesten zweimal repariert wurde.

Freigelegt, abgetrocknet: Baumstämme im Tagebau © Pollmann, Inst. f. Botanik, Uni Hohenheim

Bei dem aus dem Moor geborgenen Holzstämmen, Baumstümpfen oder Wurzeln handelt es sich trotz der Fülle nur um einen Ausschnitt des Ur-Waldes. Denn das Holz konnte nur im Moor konserviert werden. Sicherlich hat es auch außerhalb der Moorstandorte Bäume gegeben, dort wurde das abgestorbene Holz jedoch vollständig zersetzt. Trotzdem erlaubt ein solcher Fund Schlussfolgerungen über die damaligen Lebensbedingungen, wie sie nur selten möglich sind, so dass die Forscher den Wald geradezu wieder auferstehen lassen können.

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Stand: 05.11.2004

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Dendrochronologie
Der Baum-Code

Eine Sackgasse wird zur Pole-Position
Die Entdeckung der Baumringe als Klimaarchiv

Die Anasazi und ein Missing Link
Dendrochronologie - Die Geburt, Teil I

HH-39 – Der „Stein von Rosetta“ Nordamerikas
Dendrochronologie - Die Geburt, Teil II

Crossdating, ein unendliches Puzzle
Das Grundprinzip der Dendrochronologie

Ringzauber
Wie Bäume wachsen

Von Hochwässern, Lawinen und Buschfeuern
Baumringe als Datenspeicher

Der älteste Kalender der Welt
Der Hohenheimer Jahrringkalender

Der Methusalem unter den Bäumen
Die kalifornische Borstenkiefer

… Kontrolle ist besser
Baumringe als Eichmaß für die C14-Datierung

Wiederauferstehung eines Ur-Waldes
Der späteiszeitliche Paläowald Reichwalde

„Ein breiter Ring kann heißen ‚warm’, ‚kalt’ oder ‚kalt und Regen’“
Interview mit Ilse Boeren, Teil I

„Den Wäldern in Sibirien ähnlich“
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