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Wie visionär war Jules Verne?

Zwischen „Imagination“ und Wirklichkeit

In einer Ära, in der die meisten Menschen noch bei Kerzenschein oder im Licht von Gaslampen lasen, Pferdekutschen den Straßenverkehr dominierten und die Dampfmaschine Hauptantrieb für Eisenbahnen und Schiffe war, entwarf Jules Verne das Bild einer Welt, die in vielen Aspekten verblüffend unserer heutigen Realität gleicht. In seinen Büchern hat die Elektrizität längst über die Dampfkraft triumphiert. Raffinierte Fluggeräte transportieren Menschen und Waren schnell und problemlos über große Entfernungen und sogar zum Mond, allerlei technische Spielereien vom Bildschirm bis zur Klimaanlage erleichtern den Alltag der Menschen.

Jules Verne um 1858 © historisch

Inspiration und Zukunftsvision für Generationen

Insbesondere sein Buch „20.000 Meilen unter dem Meer“ prägte Generationen von Lesern rund um die Welt und hinterließ auch Spuren in der Technik- und Entdeckungsgeschichte. Denn ob U-Boot-Pioniere wie Simon Lake oder William Beebe, der Erfinder der Bathysphäre, oder Entdecker und Polarforscher wie Richard Byrd – sie alle nannten Jules Vernes Geschichte rund um die Nautilus als eine ihrer Hauptinspirationsquellen.

Vernes Schilderungen der technischen Konstruktionen an Bord des Schiffes sind in Teilen so detailliert und überzeugend, dass viele Leser sie schon zu seinen Lebzeiten für realistisch hielten. Max Popp, der erste und bis heute einer der wichtigsten Biographen Jules Vernes schreibt 1908 über ihn: „Denn gerade das ist die Eigenart Vernes: Er gibt sich bei seinen Schlussfolgerungen nicht müßigen Spekulationen hin, sondern bleibt immer auf dem Boden der Wahrheit.“ Verne selbst soll dazu gesagt haben: „Ich stehe immer mit einem Fuß in der Wirklichkeit.“

Von Details und Grundlagenwissen durchsetzt

Physikalische Grundprinzipien wie beispielsweise der Auftrieb oder die Verdrängung werden von ihm bis in kleinste vorgerechnet und erklärt: „Nun aber, wenn auch das Wasser nicht absolut unfähig ist, zusammengedrückt zu werden, so ist es doch wenigstens sehr wenig dessen fähig. In der Tat beträgt nach den neuesten Berechnungen diese Beschränkung nur 436 Zehnmillionenteile auf eine Atmosphäre oder auf je 30 Fuß Tiefe. Handelt sich’s darum, 1.000 Meter hinabzugehen, so bringe ich dann die Beschränkung des Umfangs unter einem Druck in Anschlag, der dem einer Wassersäule von 1.000 Metern entspricht, d.h. unter einem Druck von 100 Atmosphären.“

Glaubwürdigkeit gewinnt das Ganze auch durch immer wieder eingestreute Bezüge zu existierenden Geräten oder Gegebenheiten. Nach der Herkunft der Maschinenteile für den Bau der Nautilus gefragt, lässt Verne Kapitän Nemo beispielsweise einige der damals etabliertesten Unternehmen aufzählen: „Sein Kiel wurde zu Creuzot geschmiedet, die Welle seiner Schraube von Pen & Cie. in London, die Platten für den Rumpf bei Leard zu Liverpool, die Schraube bei Scott in Glasgow. Seine Behälter wurden von Cail & Cie. zu Paris gefertigt, seine Maschine von Krupp in Preußen, sein Schnabel zu Motala in Schweden, seine Instrumente bei Gebrüder Hart in New York usw.“

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Immer wieder flicht Verne auch Erklärungen zu grundlegenden naturwissenschaftlichen Phänomen ein, ob über das Wesen der Meeresströmungen oder die Klassifizierung der Fische: „Es ist jedermann bekannt, dass die Fische die vierte und letzte Klasse der Wirbeltiere ausmachen. Man hat sie richtig definiert: Wirbeltiere mit kaltem Blut und doppeltem Umlauf, die durch Kiemen atmen und im Wasser zu leben bestimmt sind. Sie bestehen aus zwei Abteilungen: Fische mit Knochen, d.h., deren Rückgrat aus knochenartigen Wirbeln gebildet ist; und Knorpelfische mit knorpeligen Rückgratswirbeln.“

„…zur Hälfte schon gefunden“

Und das, obwohl Verne als gelernter Jurist keinerlei formelle naturwissenschaftliche oder technische Ausbildung vorweisen konnte. Dafür aber saß er stundenlang in den Bibliotheken von Paris und las sich quer durch den Kanon von Lehrbüchern und Berichten aus den Gebieten der Ingenieurskunst, der Geologie oder der Astronomie. Vermutlich war er daher bestens informiert darüber, was insbesondere auf dem Gebiet der Technik gerade en Vogue war.

Jules Verne selbst sah sich zwar als Visionär, aber nicht als Utopist oder Prophet: „Vielleicht werden Sie überrascht sein zu erfahren, dass ich nicht besonders hochmütig gewesen bin, über Auto, U-Boot und lenkbares Luftschiff geschrieben zu haben, bevor sie in das Reich der wissenschaftlichen Wirklichkeit eingetreten sind“, erklärte Verne 1902 zu diesem Thema in einem Interview. „Als ich in meinen Schriften von ihnen wie von tatsächlichen Dingen gesprochen habe, da waren sie zur Hälfte schon gefunden. Ich habe lediglich eine Fiktion aus dem entwickelt, was in der Folge zur Tatsache werden musste.“

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Nadja Podbregar
Stand: 08.10.2010

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Jules Vernes „Nautilus“
Ein Unterseeboot zwischen Fakten und Fiktion

20.000 Meilen unter dem Meer
Die Nautilus und ihre Geschichte

Wie visionär war Jules Verne?
Zwischen „Imagination“ und Wirklichkeit

Schwimmende Zigarren
Form und Grundprinzip der ersten U-Boote

Vom Bunsenelement zur Brennstoffzelle
Der Weg zum Elektro-Antrieb

Eine „Blaupause“ für die Nautilus
Gymnote - das erste moderne U-Boot der Welt

Entdeckung vor San Telmo
Kopierte Verne das Schleusenprinzip von der Explorer?

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