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Wie stirbt man aus?

Faktoren, die das Aussterben begünstigen

Trotz aller methodischen Hürden sind sich die Wissenschaftler heute weitgehend darüber einig, dass es nicht nur der Zufall sein kann, der bei einem Aussterben das Schicksal einer Art entscheidet. Die totale Vernichtung der Dinosaurier am Ende der Kreidezeit oder das völlige Verschwinden aller Trilobitenarten sind zu ungewöhnlich, um als bloße Laune der Evolution durchzugehen.

Ausgehend von Fossilien und Beobachtungen heutiger ökologischer Gesetzmäßigkeiten lassen sich allerdings einige mögliche Faktoren zusammenstellen, die ein Aussterben einer Art begünstigen. Alle diese Faktoren können, müssen aber nicht, das Aussterben einer Art begünstigen. Welche Faktoren im Einzelfall wann und wie wirken, ist nach wie vor kaum bekannt.

Kleine Populationen

Biologen, die sich mit Populationsdynamik und Artenschutz befassen, haben festgestellt, dass es eine Art untere Grenze der Überlebensfähigkeit von Populationen zu geben scheint. 1967 formulierten Robert MacArthur und E.O.Wilson ihre Theorie der so genannten „minimum viable Population“ (MVP) so: „Populationen über diesem Wert sind praktisch immun gegen das Aussterben, solche unter der Grenze werden wahrscheinlich sehr schnell verschwinden.“ Die Ursachen: Kleine Gruppen sind anfälliger gegenüber äußeren Faktoren: Krankheit, Feuer oder andere lokale Störungen können zum Aussterben einer Art führen, wenn es nur eine kleine Population von ihr gibt. Zudem ist der Genpool einer kleinen Population sehr begrenzt, Veränderungen der Umwelt können daher meist nur schwer abgefangen werden.

Begrenztes Verbreitungsgebiet

Je weiter verbreitet eine Art ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass alle Populationen durch ein einziges Ereignis ausgerottet werden können. Kommt sie dagegen nur in einem eng umgrenzten Gebiet vor, gelten die ähnlichen Risiken, wie bei kleinen Populationen: Eine „Pechsträhne“ mit lokaler Dürre, eine Epidemie oder das plötzliche Auftauchen von übermächtiger Konkurrenz oder Fressfeinden in diesem Lebensraum vernichtet dann nicht nur die lokale Population, sondern damit gleichzeitig auch die letzten ihrer Art. Anfang der 1980er Jahre vernichtete beispielsweise ein Virus 95 Prozent aller Seeigel der Gattung Diadema in der Karibik. Doch da diese Gattung auch anderswo vorkam, konnte sie sich wieder von diesem Schlag erholen.

Ein „Erstschlag“

Einige Aussterbereignisse verliefen in zwei Stufen: In einer Art „Erstschlag“ führte eine ungewöhnliche Belastung wie ein Klimawandel, die Verkleinerung des Lebensraumes oder die intensive Bejagung durch den Menschen dazu, dass die Populationsgröße und das Verbreitungsgebiet einer Art dramatisch schrumpften. Die solchermaßen anfällig gewordene Art fiel anschließend in einer zweiten Phase einer „Pechsträhne“ zum Opfer.

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Das Heidehuhn, ein Verwandter des amerikanischen Präriehuhns (Tympanuchus cupido), war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts an der gesamten Ostküste der USA verbreitet. Intensive Bejagung und die Vernichtung seines Lebensraums durch wachsenden menschliche Bevölkerung dezimierten die Art jedoch immer mehr. Nach 1870 gab es Heidehühner nur noch auf der Insel Martha’s Vinyard vor der Küste von Massachussetts. Dort standen die letzten Tiere unter strengem Schutz und begannen sich wieder zu vermehren. Doch ein Buschfeuer gefolgt von einem ungewöhnlich harten Winter und einer Epidemie machte ihnen 1932 endgültig den Garaus.

Nach Ansicht von Ökologen hätte das Heidehuhn als Art sowohl Feuer als auch Krankheit oder Winter problemlos überlebt, wenn es nicht durch den „Erstschlag“ bis auf die kleine Inselpopulation zusammengeschrumpft worden wäre. Allerdings heißt dies nicht grundsätzlich, dass ein Erstschlag eine notwendige Voraussetzung für eine Aussterben ist. Tritt er aber auf, kann er den Vorgang begünstigen und beschleunigen.

Konkurrenz und Veränderungen des Lebensraums

Pflanzen und Tiere sind in der Regel optimal an ihre Lebensbedingungen angepasst, da sie das Produkt einer ständig wirkenden Selektion sind. Darwin verglich diesen Prozess in seinem Werk „Über die Entstehung der Arten“ mit einem Holzklotz, in dessen Oberfläche viele Keile eingeschlagen sind. Jeder Keil entspricht einer Art. Kommen immer neue Keile dazu, ist die Oberfläche irgendwann so dicht besetzt, das jeder neue Keil einen alten hinausdrängt. Auf die Evolution übertragen heißt dies nichts anderes, als dass neue und besser angepasste Arten auf die bestehenden einen Druck ausüben, der einige von ihnen entweder verändert oder aussterben lässt.

Ähnliches geschieht auch, wenn sich der Lebensraum einer Art verändert. Werden dabei die Toleranzgrenzen einer Art überschritten, kann sie sich nicht an die veränderten Bedingungen anpassen und stirbt aus. Doch auch wenn sie die neuen Bedingungen überlebt, kann es sein, das eine andere Art besser angepasst ist und die alte Art verdrängt.

Dieses Grundprinzip gilt als der Motor der Evolution. Gleichwohl greift es als Ursache für die Massenaussterben nach Ansicht vieler Paläontologen zu kurz. Die plötzliche Ausrottung vieler Arten gleichzeitig ist nicht durch diesen andauernden Selektionsdruck allein zu erklären, sondern muss auf ein außergewöhnliches Ereignis oder eine ungewöhnlich starke Veränderung zurückgehen.

Geringe Toleranz, wenig Nachkommen

Viele der heute vom Aussterben bedrohten Arten gehören zu Tiergruppen, die sehr enge Toleranzgrenzen haben. Sie kommen entweder nur in einem ganz bestimmten Lebensraum vor oder sie sind auf eine sehr spezielle Art der Ernährung angewiesen: Korallenriffe gedeihen nur in Meerwasser bestimmter Temperatur, Koalas ernähren sich ausschließlich von Eukalyptusblättern. Verändern sich die für diese Arten notwendigen Bedingungen, können sie sich nur schwer oder gar nicht anpassen, und sterben aus. Anders dagegen die Generalisten unter den Lebewesen: Sie tolerieren ein breites Spektrum an Umweltbedingungen und sind dadurch „einfach nicht totzukriegen“.

Ein zusätzliches Handikap im Kampf gegen die Ausrottung könnte auch eine geringe Reproduktionsrate sein: Tiere, die nur wenige Nachkommen bekommen und diese in großen Abständen, können Verluste durch Krankheiten oder eine Naturkatastrophe schlecht ausgleichen. Tierarten, die massenweise Nachwuchs produzieren, sind dagegen schnell wieder auf dem alten Stand.

Ratten, Schaben oder Mäuse werden daher vermutlich nur wenig von einem nächsten Massenaussterben zu befürchten haben…

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Nadja Podbregar
Stand: 21.02.2002

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Massenaussterben
Katastrophale "Unfälle" der Evolution?

Überlebensrate 0,1 Prozent
Aussterben prägt die Erdgeschichte

Mehr als nur eine Frage der Masse...
Was kennzeichnet ein Massenaussterben?

Kambrium
Das "Aus" für die Trilobiten

Ordovizium
Aufstieg und Fall der räuberischen Nautiloideen

Devon
Die Ära der Panzerfische

Perm
Das größte Aussterben der Erdgeschichte

Trias
Als die Vorfahren der Saurier starben...

Kreide-Tertiär
Der Untergang der Dinosaurier

Wer war's?
Der erste Verdächtige: Meeresspiegelschwankungen

Todesfalle Temperatur?
Der zweite Verdächtige: Klimawandel

Kosmische Katastrophe?
Der dritte Verdächtige: Ein Meteoriteneinschlag

Kosmischer Killer oder Nebenschauplatz?
Die möglichen Auswirkungen eines Meteoriteneinschlags

Feuerspeiende Erde
Der vierte Verdächtige: Katastrophale Vulkanausbrüche

Flammendes Inferno mit globalen Folgen?
Die möglichen Folgen des Dekkan-Trapp-Vulkanismus

Impakt oder Vulkanismus?
Der Streit um das Aussterben der Dinosaurier

Der Fall Nemesis
Sind Massenaussterben periodisch wiederkehrend?

Tod mit System?
Periodizität als heißes Eisen und Streitfall

Wildwasser statt ruhiger Fluss
Massenaussterben als Motor der Evolution

Pech, Zufall oder Vorsehung?
Wer wird Opfer?

Wie stirbt man aus?
Faktoren, die das Aussterben begünstigen

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