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Wie machbar ist Gendoping?

Labore und klinische Studien als unfreiwillige Gendoping-Lieferanten

Noch ist kein Fall von Gendoping im Sport bekannt – aber nach Ansicht der meisten Forscher ist das nur noch eine Frage der Zeit. „Leistungssport ist so lukrativ, dass derjenige, der den Athleten funktionierendes Gendoping anbietet, große Profite einstreichen wird“, prognostizierte bereits vor einigen Jahren Lee Sweeney von der University of Pennsylvania in Philadelphia. Bereits jetzt seien einige vielversprechende Gentherapien im Stadium der klinischen Studien an Tieren, die als Nebeneffekt nicht nur Gendefekte heilen, sondern auch Athleten stärker oder ausdauernder machen könnten.

Bei der rechten Maus wurde das Myostatin-Gen abgeschaltet. Ihre Muskelmasse ist um den Faktor 4 höher als beim Wildtyp (links). © Lee Se-Jin et al. /PLoS ONE doi:10.1371/ journal.pone. 0000789

So wurde in Versuchen an Mäusen bereits das Gen für einen Wachstumsfaktor so manipuliert, dass die Tiere eine enorme Muskelmasse ohne großes Zusatztraining entwickelten. Da genetische Defekte des Wachstumsfaktors IGF1 auch eine schwere Muskelabbaukrankheit auslösen, arbeiten Forscher an einer Gentherapie für die schwerkranken Betroffenen – vorerst aber noch rein im Tierversuch. Die entsprechenden Gene zu isolieren und sie über eine Genfähre in den Körper von gesunden Athleten einzuschleusen, ist nach Ansicht von Experten inzwischen aber auch für halbwegs kundige Wissenschaftler und Mediziner machbar. Selbst ein Student mit einigem Training in Molekularbiologie könne diese Techniken beherrschen und anwenden, erklärten Forscher bereits 2007. Auch das Material sei leicht zu beschaffen, wenn man es wirklich darauf anlege – nicht zuletzt dank des Internets.

Peptidhormon schaltet genetische Muskelbremse aus

Und es geht sogar noch einfacher: In einigen Fällen muss der Gendoping-Willige nicht einmal ein Gen einschleusen, er kann auch ein existierendes Gen blockieren, um den gewünschten Effekt zu erreichen. Das ist der Fall beim Myostatin-Gen. Es begrenzt normalerweise den Aufbau der Muskelmasse und verhindert so anormale und gesundheitsschädliche Muskelberge. Doch Forscher haben bereits einen Hemmstoff identifiziert, der dieses Gen ausschaltet. Dieser Hemmstoff, das Peptidhormon Follistatin, hat im Tierversuch bereits erfolgreich „Muskelmäuse“ hervorgebracht. Follistatin soll inzwischen bereits auf dem Schwarzmarkt erhältlich sein. Preis pro Ampulle: umgerechnet knapp 130 Euro.

Es sei eine Illusion zu glauben, dass kein Athlet seine Gesundheit riskieren werde, indem er ein experimentelles und bisher kaum getestetes Verfahren ausprobiere. „Die Techniken, die in der Gentherapie erprobt und verwendet werden, werden auch im Sport eingesetzt werden“, sagt Theodore Friedmann, Leiter des Gendoping-Gremiums der Weltdopingagentur WADA. Die WADA hat vorsorglich jede Form des Gendopings für illegal erklärt. Sie verbietet „jeden nicht-therapeutischen Gebrauch von Zellen, Genen, genetischen Elementen oder die Beeinflussung der Genexpression mit der Möglichkeit, die Leistungsfähigkeit zu steigern.“

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Nadja Podbregar
Stand: 26.07.2012

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Gene, Doping und Medaillen
Kommt die genetische Manipulation im Sport?

Genetische Elite am Start
Welche Rolle spielen gute Gene für den sportlichen Erfolg?

Von der Muskelmaus zum Superathlet
Forscher entdecken neue Ansatzstelle für Gendoping-Versuche

Wie machbar ist Gendoping?
Labore und klinische Studien als unfreiwillige Gendoping-Lieferanten

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