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Wettlauf ums Genom

Die Endphase des HGP: Venter versus NIH

Nach viel hin und her und politischen Manövern ist es dann endlich soweit: 1988 lassen sich die US National Institutes of Health (NIH) breitschlagen, ein Projekt zur Entschlüsselung des menschlichen Erbguts zu koordinieren. Als Leiter bestimmen sie keinen geringeren als James Watson, einen der beiden Entdecker der Doppelhelix-Struktur der DNA.

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Streit um Krankheitsgene

Doch der Anfang ist schleppend. Immer wieder brechen Streitigkeiten darüber aus, ob man nicht lieber erst gezielt nach Krankheitsgenen suchen sollte, statt mühsam alles zu sequenzieren. Ein Genetiker am National Institute for Neurological Disorders and Stroke (NINDS) tut sich hier besonders hervor: Craig Venter. Er und sein Kollegen haben eine neue Methode entwickelt, mit der sie Genfragmente mit bisher unerreichter Geschwindigkeit aufspüren können – allerdings ohne deren Funktion zu kennen.

Dennoch sind die Leiter der NIH zunächst begeistert, denn einmal patentiert, könnten sich diese Gene zu barem Geld machen lassen, so hoffen sie. Watson wehrt sich und protestiert öffentlich gegen den „Ausverkauf des Erbguts“. Das bleibt nicht ohne Folgen: Im April 1992 verliert Watson seinen Posten als Projektleiter und wird von Francis Collins abgelöst.

Nur schleppende Fortschritte

1993 zieht Collins eine eher klägliche Bilanz: Gehe die Sequenzierung im bisherigen Tempo weiter, könne man nicht vor dem Jahr 2005 damit rechnen, fertig zu werden. Schuld daran sind einerseits nur langsame Fortschritte in der Automatisierung der Entschlüsselung – und zu wenig Geld für die Entwicklung und den Kauf modernster Sequenzierer. Andererseits aber auch die Vorgabe, mit möglichst 99,99-prozentiger Genauigkeit zu arbeiten. Immerhin beteiligen sich inzwischen immer mehr Forschungseinrichtungen, auch anderer Länder, an dem Unterfangen.

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Wachgerüttelt werden die HGP-Forscher und Verantwortlichen dann 1995 – durch Craig Venter. Dieser, inzwischen bei einer privaten Firma tätig, veröffentlicht nun das erste Erbgut eines kompletten Organismus, der Mikrobe Haemophilus influenzae. Und hat, dank modernster Computertechnik, dafür nur ein Jahr gebraucht. Aber auch Collins und die HGP-Forscher kommen allmählich voran – wenngleich noch immer langsamer als vielen lieb ist.

Sequenziergeräte am NIH im Jahr 2001 © NIH/NHGRI

Kopf an Kopf-Rennen

1998 dann folgt der nächste Venter-Coup: Vor einem Jahrestreffen vom Genforschern verkündet der Forscher vollmundig, er werde eine neue Firma gründen und mit ihr in nur drei Jahren das menschliche Genom entschlüsseln – und zu einem Bruchteil des für das HGP veranschlagten Geldes. Helfen soll ihm dabei eine neu entwickelte, automatisierte Sequenziermaschine. Jetzt müssen Collins und seine Leute reagieren. Sechs Monate später kündigen sie ihrerseits an, nun eine verschärfte Gangart vorlegen zu wollen. Schon 2003 statt 2005 soll das gesamte Genom entziffert sein. Und bis zum Frühjahr 2001 wolle man zudem eine rund 90 Prozent genaue erste Arbeitsversion des Erbguts veröffentlichen.

Der Wettlauf zwischen Craig Venter und seiner Firma Celera wird nun zu einem Kopf-an-Kopf Rennen. Hinter den Kulissen allerdings wird bereits über eine gütliche Einigung verhandelt. Der Vorschlag seitens des HGP: Beide Projekte sollen ihre erste Version gleichzeitig auf einer gemeinsamen Pressekonferenz vorstellen und gleichzeitig publizieren. Dies geschieht dann am 26. Juli 2000 auch. Publiziert wird dann allerdings streng nach Projekten getrennt: Das HGP veröffentlicht im britischen Magazin „Nature“, Venter und sein Team bei der US-Konkurrenz „Science“.

Inzwischen kennen die Forscher weit mehr als nur die grobe Buchstabenfolge unseres Erbguts. Und längst existieren für viele Erbkrankheiten und genetisch bedingte Erkrankungen Gentests, die die Diagnose erleichtern – wie von Clinton 2000 prognostiziert. Eines aber sorgte für Rätselraten, je mehr Gene man identifizierte: Auf der gesamten rund drei Milliarden Basenpaare langen DNA des Menschen lagen nur rund 23.000 Gene – und dazwischen gab es lange Bereiche, deren Funktion man nicht kannte.

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NPO
Stand: 16.05.2012

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern

Happy Birthday DNA
Wie "zwei Clowns" die Wissenschaft revolutionierten

Die Sprache der Gene
Wie funktioniert der Informationsaustausch?

Vom Gen zum Protein
Transkription und Translation

Lesen im Buch des Lebens
Das Humangenom Projekt und seine Anfänge

Wettlauf ums Genom
Die Endphase des HGP: Venter versus NIH

Junk-DNA
Vom Schrott zum Steuerpult

Gigantisches Steuerpult
Die Junk-DNA kontrolliert unser Erbgut

Molekulare Kriminalistik
Ein DNA-Test klärt auf

Vaterschaftstest
Ist es ein "Kuckuckskind"?

Von A bis Z
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