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Die Relationalität der Farben

Wenn grün nicht gleich grün scheint

Die Objektivität der Farben gilt jedoch nicht uneingeschränkt. Sie sind offenbar doch Eigenschaften von anderer Art als etwa die Größe oder die Masse eines Objekts, die sich unabhängig vom Licht messen lassen. Schließlich verschwindet das Grün des Baumes in der Nacht, während seine gemessene Höhe gleich bleibt. Der Baum hat also nur die Disposition, grün zu erscheinen, und seine Farbe resultiert erst aus der Interaktion zwischen seiner Oberfläche und dem Licht.

Auch wenn es nicht so scheint: Die beiden Quadrate in der Mitte haben die gleiche Farbe. © Fuchs/ Ruperto Carola

Optische Täuschung

Bis zu einem gewissen Grad variabel ist aber auch die subjektiv wahrgenommene Farbe eines Gegenstandes. Zunächst spielen kulturelle Einflüsse eine Rolle für die emotionale Qualität des Farbeindrucks: Weiß ist im abendländischen Kontext die Farbe der Unschuld und Reinheit, in der japanischen Kultur aber die Farbe der Trauer und des Leids. Ebenso prägt die Sprache einer Kultur den Sinn für bestimmte Farbnuancen, indem sie die Farben unterschiedlich zu benennen und damit auch zu sehen erlaubt – manche Sprachen kennen nur drei Grundfarben, andere bis zu zwölf.

Aber die Variabilität geht noch weiter: Die gleiche Wellenlänge des reflektierten Lichts kann auch je nach Umgebung und Kontext mit unterschiedlichen Farbwahrnehmungen korreliert sein – die sogenannten Farbillusionen belegen dies nur zu deutlich. Es erscheint kaum glaublich, aber ohne ihre Umgebung nehmen die Quadrate in Abb. 1 und 2 tatsächlich die gleiche Farbe bzw. Graustufe an: Deckt man z.B. die größeren roten und gelben Flächen in Abbildung 1 mit Papierstreifen ab, kann man sich davon leicht überzeugen.

Der Kontext beeinflusst unsere Wahrnehmung der Farbe, aber auch der Helligkeit: A und B haben die gleiche Graustufe. © Edward H. Adelson

Auf die Bedeutung kommt es an

Neurokonstruktivisten führen solche und andere Illusionen gerne ins Feld, um den Scheincharakter unserer Wahrnehmung zu erweisen, in diesem Fall den der Farben. In Wahrheit verhält es sich jedoch umgekehrt: Die sogenannten Farbillusionen beruhen nämlich auf der Tendenz der Wahrnehmung zur Kontrastverstärkung (Abb. 1) oder zur Farbkonstanz unter wechselnder Beleuchtung (Abb. 2). Sie sind also gerade im Interesse einer differenzierten Erschließung der Umwelt durchaus sinnvoll.

Es geht in der Wahrnehmung nämlich gar nicht darum, 1:1-Kopien von physikalischen Reizen zu erzeugen, sondern die Dinge der Umwelt in ihrer Bedeutsamkeit für uns zu erkennen. Einzelne, isolierte Farbflecke im Wahrnehmungsfeld (wie die beiden Quadrate oder Kreise für sich genommen) sind dabei weniger bedeutsam als die gesamte Gestalt und Konstellation von Gegenständen, und diese zu erfassen, hervorzuheben und zu profilieren – das ist die Funktion der Wahrnehmung.

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Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs, Universität Heidelberg / Ruperto Carola
Stand: 16.01.2018

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Wie real sind Farben?
Farbwahrnehmung zwischen Physik, Neurobiologie und Empfinden

Alles Illusion?
Die Debatte um die Realität unserer Wahrnehmung

Von den Wellen zum Reiz
Physik und Farbwahrnehmung

Vom Reiz zur subjektiven Empfindung
Was sagt die Neurobiologie?

Warum der Baum doch grün ist
Die Objektivität der Farben

Wenn grün nicht gleich grün scheint
Die Relationalität der Farben

Erst das Zusammenspiel macht's
Farbe entsteht aus der Beziehung zwischen Lebewesen und Umwelt

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