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Wenn der Vulkan mit dem Gletscher

Vatnajökull versus Grímsvotn

Zur Zeit ist es ruhig unter Europas größtem Gletscher, dem Vatnajökull. Mit bis zu 1000 Metern Dicke und einer Fläche von 8300 Quadratkilometern bedeckt er den Südosten Islands wie ein Eispanzer. Doch unter dem riesigen Eisschild brodelt es: Aus dem Erdinneren steigt hier heiße Magma an die Oberfläche und bildet Vulkane unter dem Eis.

Der Gletschersee Jökulsárlón am Vatnajökull-Gletscher © Anders Brownworth/CC BY 2.5

Die Isländer leben im wahrsten Sinne des Wortes auf einem Pulverfass. Ihre Insel liegt direkt auf dem Mittelatlantischen Rücken, einer Nahtstelle in der Erdkruste. An ihr wird heisses Magma an die Oberfläche transportiert und bildet neuen Ozeanboden. Diese vulkanisch sehr aktive Zone liegt bis zu 3000 Metern unter dem Meeresspiegel. Auf Island tritt sie jedoch an die Oberfläche und die geologischen Prozesse, die zu einem Auseinanderdriften von Amerika und Europa führen, können hier von den Geologen direkt beobachtet werden.

Eines der vulkanischen Spaltensysteme des Mittelatlantischen Rückens liegt direkt unter der dicken Eisschicht des Vatnajökull. Die hier ständig aus den Tiefen der Erde aufsteigende Wärme schmilzt Eis von der Unterseite des Gletschers und füllt langsam die eingesenkten Krater – Calderen – der beiden „untereisischen“ Vulkane Grimsvötn und Bardarbunga. Alle fünf bis zehn Jahre sind die Calderen vollgelaufen und das Wasser sucht sich entlang von Rinnen und Kanälen unter dem Eis einen Weg in die Ebene. Entwickeln sich daraus heftige Überschwemmungen sprechen die Isländer von einem „jökulhlaup“.

29. September 1996

Mit einem Erdbeben der Stärke 5 beginnt an diesem Tag um 10:48 Uhr eine Katastrophe. Mehrere Absenkungsbereiche im Gletschereis werden gesichtet, die auf ein intensives Abschmelzen am Untergrund hindeuten. Noch am Nachmittag des gleiche Tages werden nationale und internationale Luftfahrtgesellschaften vor einer in naher Zukunft bevorstehenden Eruption gewarnt. Am 2. Oktober schlägt die Eruption durch das Eis. Vulkanasche wird 500 Meter hoch in die Luft geschleudert und Rauchwolken steigen bis zu 3000 Meter in die Höhe.

Zwei Tage später erreichen die Wolken bereits eine Höhe von 10.000 Metern, doch die Eruption geht weiter. Die Grímsvötn-Caldera beginnt sich zu füllen und Glaziologen warnen vor einem „jökulhlaup“, einer Flut in die Sandur-Ebene.

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Bis zum 10. Oktober hat der Vulkan zwei bis drei Kubikkilometer Eis schmelzen lassen, Wasser sammelt sich in der Caldera. Messungen mithilfe des „Global Positioning System“ ergeben eine Seespiegelhöhe (Wasserspiegelhöhe von über 1500 Metern, ein „glacial burst“- das Überlaufen der Caldera – folgt normalerweise bereits bei einer Höhe von 1450 Metern.

Am Abend des 4. November bebt der Grímsvötn. Am 5. November wird ein Ansteigen des Caldera-Abflusses, dem Skeiðará, festgestellt. Der Fluss ist stark mit Sedimenten beladen und sehr schwefelhaltig. Bei frostigen Temperaturen sollte der Skeiðará eigentlich einen sehr niedrigen Abfluss haben. Einige Stunden später beginnt plötzlich die Überschwemmung der 50 Kilometer von dem Vulkan entfernten Skeiðarársandur-Ebene. Mit 45.000 Kubikmetern Wasser pro Sekunde flutet das Wasser aus dem Vulkan über die Ebene, zerstört Straßen und Bahnlinien und lässt Brücken einstürzen.

1998 – zwei Jahre nach dieser Katastrophe – brach der Grimsvötn erneut aus. Diesmal schleuderte er eine mächtige Aschewolke in die Luft, die sogar noch im 200 Kilometer entfernten Rejkavijk zu sehen war. Eine Überschwemmung blieb den Bewohnern der Ebene allerdings erspart. Heute, mehr als ein Jahr nach seinem letzten Ausbruch, ruht der Grimsvötn wieder – das Feuer schlummer unter dem Eis.

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Stand: 26.03.2002

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Gletscher
Weiße Riesen auf dem Rückzug

Vom Schnee zum Gletschereis
Der Anfang

Kalben - Abbruch in den Ozean
Das Ende

Gleichzeitig vor und zurück?
Gletscher schmelzen nicht überall

Meeresspiegelanstieg
Wenn die Gletscher schmelzen steigt das Meer

Gletscher unter den Augen der Forscher
Mit Radar durch Wolken und Nacht

Wachstum oder Rückzug?
Trend der Gletscherbewegungen in verschiedenen Regionen

Wenn die Gletscher weg sind
Folgen des Klimawandels in den Alpen

Als die Gletscher weg waren
...kam das Leben wieder

Wenn der Vulkan mit dem Gletscher
Vatnajökull versus Grímsvotn

"Glacier surging"
Die schnellsten Gletscher

Gletscherseen
Von Söllen, Karen und Moränen

Die dicksten Dinger
Die Top Ten der Gletscher

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