Wegschauen macht Diebe - scinexx | Das Wissensmagazin
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Wegschauen macht Diebe

Bravsein ist immer eine Frage des Blickwinkels

Wie gut Hunde tatsächlich wissen, was andere sehen können und was nicht, zeigte sich in einer weiteren Studie, die Bräuer gemeinsam mit ihrer Kollegin Juliane Kaminski ausklügelte. Die Idee dazu hatte dabei Bräuers Hündin Mora geliefert. Mora hatte bei einem Spaziergang ein altes Wurstbrot entdeckt, das jemand achtlos weggeworfen hatte, und dieses als willkommene Ergänzung des Speiseplans betrachtet. Auf das Kommando „Aus“ ließ sie zwar brav die Beute fallen, wofür sie auch gelobt wurde. Doch kaum hatte sich Bräuer umgedreht, schnappte sich Mora sofort wieder das Brot und verschlang es schnell hinter dem Rücken ihrer Besitzerin.

Auf der Couch, sobald Herrchen oder Frauchen nicht guckt © SXC

„Die interessantesten Versuche sind immer die, die einen direkten Bezug zur Lebensweise des getesteten Tieres haben“, meint die Max-Planck-Forscherin. Was sie mit ihrer Hündin im Park erlebte, ist eine Bilderbuchszene aus dem ganz gewöhnlichen Hundealltag, wie wohl die meisten Hundehalter bestätigen können: Hund darf nicht aufs Sofa oder Bett und sitzt sofort darauf, sobald er sich unbeobachtet fühlt; Hund soll im Korb bleiben und ist sofort draußen, sobald sein Mensch den Raum verlassen hat; Hund darf nichts vom Tisch klauen, doch sobald er allein im Zimmer ist, gehört die Schokolade ihm.

Wann sieht der Mensch mich noch?

Der Versuchsaufbau für die Studie im Hundebungalow, mit dem Bräuer und Kaminski herausfinden wollten, ob Hunde wissen, was andere sehen können, war vergleichsweise einfach: Zu Beginn des Durchgangs wurde dem Hund ein Leckerli vor die Füße gelegt. Der Mensch verbot dem Hund das Fressen mit dem üblichen Kommando. Anschließend variierten die Menschen ihr Verhalten: Einmal drehte sich der Mensch einfach nur weg; dann verließ er ganz den Raum; und einmal saß er auf einem Stuhl und beschäftigte sich mit einem Gameboy-Spiel. „In jedem Fall war seine Aufmerksamkeit nicht auf den Hund gerichtet“, beschreibt Kaminski die wichtigste Bedingung in dieser Studie. Nur in der Kontrollbedingung schaute der Mensch den Hund an. Jeder Durchgang dauerte exakt drei Minuten.

Das Kommando „Aus“ gilt so lange, wie ein Mensch zuschaut. In der Studie waren die Hunde immer brav, wenn menschliche Blicke auf ihnen ruhten, und klauten die Kekskringel fast immer, wenn sie sich unbeobachtet fühlten. © MPI für evolutionäre Anthropologie

Blick richtig interpretiert

„Zugegeben, das war kein besonders angenehmer Test für einen gut erzogenen Hund“, räumt Bräuer ein, „aber schließlich konnte er sich in der richtigen Situation über das Verbot hinwegsetzen. Genauso wie es mein Hund damals im Park getan hat.“ Tatsächlich verhielten sich Moras Artgenossen genauso. Statt also brav dazusitzen und den bloßen Ausblick auf das Leckerli zu genießen, klauten sie das Futter fast immer, wenn sie sich unbeobachtet fühlten, und so gut wie nie, wenn der Mensch sie ansah.

„Aus diesen Versuchen können wir schließen, dass Hunde offensichtlich auseinanderhalten können, ob ein Mensch sie ansieht oder nicht, und dass sie sich entsprechend unterschiedlich verhalten“, sagt Juliane Bräuer. Besonders interessant sei aber, dass sie sogar zwischen offenen und geschlossenen Augen unterscheiden können – eine bemerkenswerte Fähigkeit.

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Birgit Fenzel / MaxPlanckForschung
Stand: 30.07.2010

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Inhalt des Dossiers

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