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Die Objektivität der Farben

Warum der Baum doch grün ist

Farben lassen sich offenbar nicht auf physikalische oder neuronale Prozesse reduzieren. Aber was bedeutet dies nun für die Objektivität von Farben in der Welt? Ist der Baum nun tatsächlich grün oder nicht? Ich plädiere für Ersteres und will dies kurz begründen.

Die gelbrote Farbe dieses Apfels signalisiert seine Reife – ein wichtiges Signal bei der Nahrungssuche. © Cucu Remus/ thinkstock

Zunächst sind Farben sicher keine inneren Empfindungen wie Schmerz oder Kitzel, sondern sie sind im Raum lokalisierbar und mit anderen Eigenschaften der Dinge wie Ausdehnung, Bewegung und Gestalt untrennbar verknüpft. Ja, ohne Farbunterschiede wären solche Form- und Gestalteigenschaften für uns gar nicht wahrnehmbar, sodass man die Bezeichnung von Farben als „sekundäre Qualitäten“ durchaus infrage stellen kann.

Farben geben Orientierung

Mehr noch: Farben geben Aufschluss über Eigenschaften und Qualitäten der Dinge, die für uns bedeutsam sind, und eröffnen damit Orientierungs- und Handlungsmöglichkeiten. Das Grün des Mooses im Wald verweist auf seine organische Struktur, auf die Fruchtbarkeit des Waldbodens und seinen Feuchtigkeitsgehalt – anders als etwa gelbes, trockenes Gras. Im Rot der Waldbeeren deutet sich ihre Eignung als Nahrung an, der Glanz des Goldes hebt es als möglichen Schmuck hervor usw.

Die atmosphärischen Qualitäten des düsterschwarzen Gewitterhimmels, der grünen Auenlandschaft oder der grellen Mittelmeersonne zeigen, dass Farben für unseren Weltbezug von zentraler Bedeutung sind: Sie vermitteln Stimmungen, Ausdrucks- und Wertqualitäten und damit Lebens- und

Handlungsmöglichkeiten. Die Orientierung in einer farblosen Welt wäre nicht nur wesentlich erschwert, wir könnten auch viele für unser Handeln relevante Unterscheidungen gar nicht treffen.

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Auf die Farbe des Baumes können wir uns mit anderen Menschen einigen. © Axel Ellerhorst/ iStock

Der Baum ist auch für andere grün

Zur Objektivität der Farben gehört aber auch ihre Intersubjektivität: Farben sind von Menschen gemeinsam erfahrene Qualitäten der Dinge und damit, wenn man von subjektiven Farbnuancierungen absieht, vom jeweiligen Beobachter weitgehend unabhängig gegeben.

Wir können uns über die Farbe eines Baumes verständigen, wir lenken die Aufmerksamkeit anderer durch Farbsignale und erzeugen mit Farben gezielt Atmosphären. Wir verbinden mit ihnen gemeinsame kulturelle Traditionen und symbolische Bedeutungen, etwa in der Politik. Farben sind selbstverständlicher Bestandteil unserer gemeinsamen Lebenswelt – nichts hindert uns daher, den Baum weiterhin grün zu nennen.

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Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs, Universität Heidelberg / Ruperto Carola
Stand: 26.01.2018

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Wie real sind Farben?
Farbwahrnehmung zwischen Physik, Neurobiologie und Empfinden

Alles Illusion?
Die Debatte um die Realität unserer Wahrnehmung

Von den Wellen zum Reiz
Physik und Farbwahrnehmung

Vom Reiz zur subjektiven Empfindung
Was sagt die Neurobiologie?

Warum der Baum doch grün ist
Die Objektivität der Farben

Wenn grün nicht gleich grün scheint
Die Relationalität der Farben

Erst das Zusammenspiel macht's
Farbe entsteht aus der Beziehung zwischen Lebewesen und Umwelt

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