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Vulkane als Tsunami-Auslöser

Akute Gefahr durch Stromboli und Ätna

Erdbeben sind nicht die einzigen Ereignisse, die einen Tsunami im Mittelmeerraum verursachen können. Auch unterseeische Erdrutsche und Vulkanausbrüche haben in der Vergangenheit schon mehrfach zu folgenschweren Fluten geführt. Vor allem Feuerberge wie der Stromboli und Ätna treiben das Tsunamirisiko im Mittelmeer zusätzlich in die Höhe.

Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel ist der Ausbruch des Santorini-Vulkans – eine der größten Katastrophen der europäischen Bronzezeit. Die explosive Eruption um 1600 vor Christus zerriss die griechische Insel Thera und verteilte Asche und Lavabrocken über weite Teile des östlichen Mittelmeers. Der von der Eruption des Inselvulkans verursachte Tsunami könnte rund zehn Meter
Höhe erreicht haben und trug vermutlich entscheidend zum Ende der minoischen Kultur bei.

STromboli
Blick auf die „Feuerrutsche“ des Stromboli. © Regi51/Man77/ CC-by-sa 3.0

Stromboli: Gefahr von der „Feuerrutsche“

Brandaktuell ist dagegen die Gefahr, die von einem anderen Mittelmeer-Vulkan ausgeht: dem Stromboli. Dieser Inselvulkan vor der Nordküste Siziliens ist seit den 1930er Jahren fast ständig aktiv und speit Asche und Lava. Im Dezember 2002 brach bei einem Ausbruch ein Teil des Vulkankegels ab und rutschte über den steilen Hang der „Sciara del Fuoco“ – Feuerrutsche – ins Meer. Diese Rutschung verursachte einen lokal bis zu 20 Meter hohen Tsunami, der schwere Schäden im Inselort Ginostra anrichtete.

Doch die Folgen eines solchen Hangkollapses am Stromboli können noch weitaus schlimmer sein, wie Schilderungen des italienischen Dichters Francesco Petrarca belegen. Er berichtet in einem Brief von einer katastrophalen Flut, die im November 1343 die Stadt Neapel heimgesucht hat. „Es wäre eine zu lange Erzählung, um all die Schrecken jener höllischen Nacht aufzuzählen“, beginnt der Dichter. „Ohnehin überstiege die Wahrheit alles, was man mit Worten ausdrücken kann.“ Der Tsunami von Neapel zerstörte einen Großteil der Stadt und den Hafen der benachbarten Stadt Amalfi und forderte ungezählte Todesopfer.

„Risiko weit größer als angenommen“

Was diese Fluten auslöste, blieb jedoch lange unbekannt. Erst 2019 entdeckten Vulkanologen um Mauro Rosi von der Universität Pisa bei Ausgrabungen am Stromboli Ablagerungen, die auf gleich drei von Eruptionen dieses Vulkans verursachte Tsunamis hindeuteten. Eine dieser Schichten passt sowohl im Ausmaß wie in der Zeit fast perfekt zur Flut von Neapel. „Die von Petrarca geschilderten Verwüstungen lassen sich potenziell auf mehrere Tsunamiwellen zurückführen, die durch eine große Rutschung am Stromboli ausgelöst wurden“, erklären Rosi und sein Team.

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Beim Kollaps einer der Vulkanflanken könnten ihren Schätzungen zufolge mehr als ein Kubikkilometer Lava und Gestein ins Meer gestürzt sein. Die dabei verursachte abrupte Verdrängung großer Wassermassen ließ Flutwellen über das gesamte Tyrrhenische Meer bis an die italienische Küste rasen. Zwei kaum weniger schwerwiegende Ausbrüche gefolgt von Tsunamis ereigneten sich 1392 und 1456.

„Die Entdeckung von gleich drei katastrophalen Kollapsen der Sciara del Fuoco innerhalb kurzer Zeit und in der jüngeren Vergangenheit verdeutlichen, dass das Risiko solcher Ereignisse größer ist als zuvor angenommen“, konstatieren Rosi und sein Team. Angesichts der weiter anhaltende Aktivität des Stromboli sei das Tsunamirisiko an den Küsten des Tyrrhenischen Meeres weit höher als lange gedacht.

Ätna
Untermeerische Ostflanke des Ätna – sie sinkt ruckweise ab. © F. Gross/ GEOMAR

Ätna: Ruckartige Abrutschungen an der Südostflanke

Als wäre dies noch nicht genug, bereitet ein weiterer Vulkan akute Sorgen: der Ätna. Denn auch dieser Feuerberg im Osten Siziliens ist aktuell aktiv und ein potenzieller Kandidat für Hangrutschungen. So soll schon vor rund 8.300 Jahren eine 35 Kubikkilometer umfassende Rutschung an der Flanke des Berges einen Tsunami ausgelöst haben, der Italien, Griechenland und Nordafrika traf.

Aktuell steht vor allem die Südostflanke des Ätna im Fokus der Überwachung. Dieser Hang sinkt seit den 1980er Jahren um drei bis fünf Zentimeter pro Jahr in Richtung Meer ab. 2018 enthüllten Messungen am unterseeischen Teil dieser Vulkanflanke, dass es dort zusätzlich zu ruckartigen Absenkungen kommt. „Der gesamte Hang befindet sich durch die Schwerkraft in Bewegung. Daher ist es durchaus möglich, dass er plötzlich abrutscht, was einen Tsunami im gesamten Mittelmeer auslösen könnte“, sagt Heidrun Kopp vom GEOMAR.

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Tsunami im Mittelmeer
Wie gefährdet sind Europas Küsten?

Verheerende Flut
Wie entstehen Tsunamis?

Wo liegen die Risikozonen?
Aktive Verwerfungen und die Tsunamigefahr

Wie hoch ist das Risiko?
Zwischen 20 Zentimetern und zehn Metern ist alles drin

Jede Küste ist anders
Tsunamifolgen hängen auch vom Terrain ab

Vulkane als Tsunami-Auslöser
Akute Gefahr durch Stromboli und Ätna

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