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Von wegen friedlich

Kriege und Aggression unter Schimpansen

Als Jane Goodall mit ihrer Schimpansen-Forschung begann, galten Tiere als von Natur aus friedlich. Der vorherrschenden Lehrmeinung nach töteten sie zwar ihre Beute, Kämpfe unter Artgenossen jedoch waren so ritualisiert und durch instinktive Verhaltensweisen kontrolliert, dass Todesfälle dabei eher Unfälle als Absicht waren. Aggression, Angriffe und Kriege waren dieser Sichtweise nach ein erst vom Menschen entwickeltes „unnatürliches“ Verhalten.

Erstmals tierische Kriege beobachtet

Doch Goodall machte bei ihren Schimpansen in Gombe völlig andere Erfahrungen. So beschrieb die Affenforscherin, dass es auch innerhalb einer Schimpansengruppe zu Gewalt kam: Die Männchen kämpften darum, die Führungsposition ihrer Gruppe einzunehmen und taten dies auch mit körperlicher Gewalt. Wechselte das Alpha-Männchen, konnte die Forscherin beobachten, dass es nicht davor zurückschreckte, den Nachwuchs andere Männchen der eigenen Gruppe zu töten. Dadurch verschaffte sich der neue „Chef“ der Schimpansengruppe schneller die Möglichkeit, sich mit den Weibchen zu paaren. .

Und nicht nur um die Rangordnung innerhalb der eigenen Gruppe kämpfen Schimpansen: Goodall entdeckte, dass es auch Kämpfe zwischen Schimpansengruppen gab, die bis zum gewaltsamen Tod einzelner Individuen gingen. Solche koordinierten und manchmal tödlich endenden Angriffe gegen andere Gruppen ihrer eigenen Art bezeichnete Goodall als regelrechte Kriege.

Von Natur aus gewalttätig

Warum es zwischen Artgenossen aus verschiedenen Schimpansengruppen zu solchen gewalttätigen Auseinandersetzungen kam, konnte Goodall zunächst nur vermuten. Sie ging davon aus, dass die Kämpfe insbesondere dann ausbrachen, wenn die Menschenaffen ihr Territorium in Gefahr sahen oder neue Nahrungsquellen erobern wollten. Andere Wissenschaftler widersprachen dem und stuften diese Gewaltausbrüche unter den Schimpansen als „nicht natürlich“ ein. Stattdessen sollte die Nähe zum Menschen und sein Eingriff in die Lebensräume die Ursache der Gewalttätigkeit sein, so ihre Hypothese.

Welche der Annahmen stimmt, hat mittlerweile ein internationales Forscherteam um Michael Wilson von der University of Minnesota nachgewiesen. Dafür untersuchten sie Beobachtungsdaten von 18 verschiedenen Schimpansen-Populationen, bei denen im Laufe von 50 Jahren über 150 Todesfälle durch Attacken von Artgenossen aufgetreten waren.

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Das Ergebnis: Die Gewalttaten der Menschenaffen treten – wie Goodall vermutet hatte – primär im Kampf um Ressourcen auf und nicht, weil der Mensch ihnen den Lebensraum streitig macht. „Wir fanden heraus, dass der Einfluss des Menschen keinen Einfluss auf das Töten zwischen einzelnen Gemeinschaften hatte“, fasst Koautor David Morgan vom Lincoln Park Zoo in Chicago zusammen. Gewalttätiges Verhalten liegt also tatsächlich in der Natur der Affen.

Sozialverhalten
Schimpansen sind sehr sozial, können aber auch gewalttätig sein. © Jeremy Weate/ CC-by-sa 2.0

Auch Menschenaffen haben Gefühle – und zeigen sie

Trotz der beobachteten Gewalttätigkeit zwischen und innerhalb der Schimpansen-Gruppen fiel Goodall das sehr ausgeprägte Sozialverhalten der Tiere auf – wieder eine Erkenntnis, die gegen die damals vorherrschenden Vorstellungen sprach. Unter anderem beobachtete die Schimpansenforscherin enge Bindungen zwischen den Muttertieren und ihrem Nachwuchs. Die Mütter kümmerten sich jahrelang intensiv um ihre Kinder, teilten mit ihnen das Futter, pflegten das Fell und umarmten sich.

Während ihrer jahrzehntelangen Beobachtungen entdeckte die mittlerweile anerkannte Forscherin zudem, dass Schimpansen nicht nur sozial sind, sondern auch Emotionen wie Glück, Liebe, Aggressionen oder Depressionen empfinden – und diese auch ausdrücken. Zum Beispiel beobachtete Goodall einen Schimpansen dabei, wie er spontan neben einem Wasserfall tanzte. Heute haben Forscher auch bereits in Gefangenschaft tanzende Schimpansen beobachtet.

Später stellte Goodall fest, dass die Tiere die verschiedenen Gefühlslagen auch sprachlich ausdrücken und lernte die vielfältigen Lautäußerungen der Schimpansen zu entschlüsseln. So signalisiert ein lautes Brüllen beispielsweise Furcht, ein sanftes Stöhnen Erstaunen und ein leises Grunzen Wohlgefühl und Geborgenheit. Bei sexuellen Erregung kommt es laut der Forscherin zudem zum sogenannten „Kopulationsschrei“ – einem durchdringenden Quieken.

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Jane Goodall
Die "Mutter" der Schimpansen

Von der Reisenden zur Forscherin
Wie Goodall nach Afrika kam und blieb

Eine neue Art der Forschung
Was Jane Goodall anders machte

Revolutionäre Einblicke
Schimpansen in ganz neuem Licht

Von wegen friedlich
Kriege und Aggression unter Schimpansen

Unser nächster Verwandter
Über die zwischen Ähnlichkeiten Mensch und Schimpanse

Botschafterin der Schimpansen
Jane Goodalls Einsatz für den Schutz der Menschenaffen

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