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Von hier kommen die „Graffiti“

Kritzeleien geben Einblick in antiken Alltag

Unser modernes Wort „Graffiti“ wurde von Ausgräbern Pompejis geprägt, denn man brauchte einen Begriff für diese dort erstmals entdeckte Form von Inschriften. Diese Graffiti, die Gegenstand meiner Dissertation waren, geben einen ganz unmittelbaren Einblick in den antiken Alltag: Namen von Bewohnern und Besuchern Pompejis, Grüße an Freunde, Nachbarn oder Geliebte, Zeichnungen von Menschen, Tieren und Gladiatoren, Zitate aus bekannter lateinischer Literatur, Wortspiele, Erotisches und vieles mehr.

Graffito
Zeichnung eines Graffito aus Pompeji, das Musiker, den Kaiser und Gladiatoren zeigt. © Burke et al. /PNAS

Antikes Leben auf kleinster Ebene

Erst seit einigen Jahren hat sich die Forschung der pompejanischen Graffiti als umfassendem Materialcorpus angenommen. Anders als antike literarische Texte, die uns auf der Makroebene über historische Ereignisse und Entwicklungen informieren und im Kontext der jeweiligen Machtverhältnisse verstanden werden müssen, spiegeln Graffiti antikes Leben auf kleinster Ebene wider. Sie halten lokale Ereignisse wie Markttage fest, überliefern bekannte Sprüche und die Namen beliebter Gladiatoren, erlauben Überlegungen zum lokalen Sozialgefüge und zu regionalen Dialekten.

Dabei zeigen sie auch, welchen Einfluss die im Alltag und im urbanen Raum präsenten Texte und Bilder als Medien hatten, denn häufig wiederholten Graffiti bereits Bekanntes: Sie benutzten dieselben Redewendungen wie Briefe, rezitierten aus Werken wie der Aeneis des Vergil, imitierten Vögel und andere Motive der Wandmalereien oder Schriftarten offizieller Inschriften.

„Soundso war hier“

Zum größten Teil aber waren sie Identitätsmarker, wie wir sie noch heutzutage von viel besuchten Orten kennen: „Soundso war hier“. Ob die vielen Tausend einzelnen Personennamen an den Wänden von Wohnhäusern, Läden und öffentlichen Gebäuden einfach nur eine Selbstbestätigung waren oder ob sie als Pendant öffentlicher Ehrungen auch gesehen und gelesen werden sollten, lässt sich meines Erachtens nicht sagen. Es lässt sich lediglich konstatieren, dass das Einritzen von Figuren, Symbolen, Wörtern und Texten recht beliebt gewesen zu sein scheint.

Vollumfassende Lese- und Schreibkenntnisse müssen wir dafür nicht zwangsläufig voraussetzen – sie waren wohl nur einem kleinen Bevölkerungsteil vorbehalten, jedoch besaßen vermutlich etliche Bürger zumindest Basiskenntnisse, die zum Schreiben des eigenen Namens oder häufig wiederholter Floskeln ausreichten.

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Einblick in römische Infrastrukturen

Anders als in Herculaneum, das wegen seiner modernen Überbauung nur zu einem kleinen Teil ausgegraben werden konnte, bietet sich uns in Pompeji eine ganze Stadt, an der sich Stadtplanung und Infrastruktur untersuchen lassen: die Organisation verschiedener Stadtareale, die Verteilung von privaten, öffentlichen und kommerziell genutzten Räumen und Gebäuden, die Regulierung des Verkehrs, die Eigentumsverhältnisse und Nutzung öffentlich zugänglicher Flächen wie Fassaden und Bürgersteige und vieles andere mehr.

Die Anbringungsorte der farbigen Dipinti – Inschriften auf Wand- und Steinflächen – und der Graffiti liefern zudem Hinweise auf zentrale Werbeflächen und beliebte Treffpunkte, auf Sozialstrukturen und Wählerschaften. Nichtsdestoweniger bleiben selbst in den Vesuvstädten, die einen so perfekt versiegelten Befund darzustellen scheinen, noch viele Fragen offen – nicht zuletzt diejenige nach ihren Einwohnerzahlen und nach den Besitzern der einzelnen Häuser und Läden.

Autorin: Polly Lohmann, Universität Heidelberg/ Ruperto Carola

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Pompeji - Zeitreise in die Antike
Römisches Erbe zwischen Kultur und Natur

Zeitkapsel antiken Lebens
Wie Pompeji unterging

Von hier kommen die "Graffiti"
Kritzeleien geben Einblick in antiken Alltag

Verwirrspiel ums Datum
Wann ereignete sich die Katastrophe?

Störungen schon vor dem Ausbruch
Stätten mit wechselhafter Geschichte

Gefährdet bis heute
Pompeji droht an seiner Berühmtheit zugrunde zu gehen

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