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Von der Überlebenshilfe zum Suchtfaktor

Die Rolle des Belohnungssystems

Das Licht und die Musik verstärken das durch Kokain und andere Drogen verursachte Hochgefühl. Später kann diese Umgebung mit dem Glücksgefühl so stark assoziiert werden, dass das Betreten einer Disko als Auslösereiz für die Drogeneinnahme ausreicht. © Fabio Di Lorenzo / CC-by-sa 3.0

Hanna fühlt sich attraktiv, sie tanzt und flirtet heftig, als die Partygäste später in einen Club wechseln. Denn das Dopamin ist bei ihr in einem Gehirnbereich aktiv, der auch als Belohnungszentrum oder mesolimbisches System bekannt ist. Es ist lebenswichtig und sorgt mit dafür, dass wir in der Lage sind zu lernen. Essen, Trinken, Sex sind Stimuli, die das gleiche Gehirnareal aktivieren und können daher neben Substanzen, die es – wie Kokain – direkt aktivieren genauso süchtig machen. Haben wir Sex – wie Hanna in dieser Nacht – dann schüttet unser Gehirn Dopamin aus. So wird eine positive Erfahrung mit einer Freisetzung von Dopamin im Gehirn belohnt – das Gehirn erinnert sich später an das positive Gefühl. Wir wollen dieses Gefühl zurück und wiederholen die Handlung oder nehmen die Substanz erneut ein.

Dieser Mechanismus erklärt auch, warum wir nicht nur nach Substanzen süchtig werden können, die direkt auf den Neurotransmitter Dopamin in den Synapsen wirken: Bei einigen Menschen können auch bestimmte Verhaltensweisen das Belohnungssystem so beeinflussen, dass sie diese Handlungen und Aktivitäten geradezu zwanghaft wiederholen. Manche erleben beispielsweise beim Spielen eine solche Befriedigung, dass sie meinen, nicht mehr darauf verzichten zu können und alles daran setzen, möglichst oft dieses Glücksgefühl wieder zu erleben – sie werden spielsüchtig.

Überlebenswichtiger Mechanismus begünstigt die Abhängigkeit

Bei Tieren und auch bei unseren Vorfahren ist das Belohnungssystem deshalb so wichtig, weil positive Erfahrungen zum Beispiel bei der Nahrungssuche ebenfalls durch Dopamin-Ausschüttung belohnt werden. Hat ein Tier so eine ergiebige Nahrungsquelle gefunden, verbindet es bei der nächsten Begegnung mit einer ähnlich aussehenden Futterquelle oder einem mit ihr verbundenen Reiz bereits ein positives Gefühl. So kann das Tier erneut an der gleichen oder eine ähnlich aussehenden Stelle nach Futter suchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es fündig wird und somit keine unnötige Energie vergeudet, ist hoch.

Dopamin als Mittler im Belohnungsschaltkreis: Der Hirnbotenstoff wird im VTA gebildet und in den Nucleus accumbens und präfrontalen Cortex ausgeschüttet. Dort wirkt er auf das Belohnungssystem. © NIDA

Was als raffinierte Überlebenshilfe funktioniert, kommt – so vermuten Forscher – auch der Suchtentstehung zu gute. Denn Hannas Gehirn verbindet jetzt das durch Dopamin ausgelöste Hochgefühl mit der Einnahme von Kokain. Diese Verbindung wird, je häufiger sie die Substanz später einnimmt, mehr und mehr gefestigt.

Es erklärt zudem, warum bestimmte Reize – wie etwa ein bestimmtes Lied oder das Betreten einer Kneipe – auch nach jahrelanger Abstinenz ehemals Süchtiger zu einem Rückfall führen können. Die Situation, in der dem Verlangen nachgegangen wurde, wird mit dem erlebten Hochgefühl verknüpft. Und zu dieser Situation gehören neben Drogen wie Kokain auch Sinneseindrücke, bestimmte Verhaltensweisen und sogar Personen, die in unserem Gehirn damit assoziiert wurden.

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Kathrin Bernard
Stand: 22.02.2013

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Sucht
Wenn das Verlangen den Willen lenkt

Der erste Kontakt
Begegnung mit dem Suchtmittel Kokain

Tanz der Botenstoffe
Was passiert bei einem Rausch im Gehirn?

Von der Überlebenshilfe zum Suchtfaktor
Die Rolle des Belohnungssystems

Komplexes Gefüge
Körper und Psyche spielen auch bei der Sucht zusammen

Abhängigkeit hat viele Gesichter
Nicht nur Angst und Depression gehören zu den Suchtsymptomen, auch Leugnung

Schleichend in die Krankheit
Oft führt eine Gewohnheit kleinschrittig in die Sucht

Kaufen, spielen, Internet
Wenn Verhaltensweisen und Freizeitaktivitäten abhängig machen

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