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Was sagt die Neurobiologie?

Vom Reiz zur subjektiven Empfindung

Nun kann es dem Naturwissenschaftler selbst gleichgültig sein, ob der Baum abgesehen von seiner materiellen Teilchenstruktur und seinen Reflexionseigenschaften auch noch grün ist oder nicht. Die Frage taucht bei seinen Messungen und Theoriebildungen gar nicht mehr auf. Die Bestreitung der Qualitäten resultiert daher nicht aus einer physikalischen Notwendigkeit – und wird meist auch gar nicht von Physikern vertreten.

Neuronale Prozesse im Gehirn - genauer im visuellen Cortex – sind die Voraussetzung für unseren Farbeindruck. © gemeinfrei

Vom Nervensignal zur Wahrnehmung

Sie beruht vielmehr auf einem szientistischen Weltbild, das die ursprünglich zum Zweck der Messbarkeit und Vorhersagbarkeit gewählten Ausschnitte der Welt und die daraus abgeleiteten Konstrukte (Teilchen, Kräfte, Felder etc.) zur „eigentlichen“ Realität erklärt. Dann wäre der grüne Baum nur noch ein großer Molekülhaufen, das Lied der Nachtigall in seinen Zweigen eine irreguläre Sequenz von Luftdruckschwankungen und die Freude des Wanderers, der ihr zuhört, ein bestimmtes neuronales Erregungsmuster.

Damit sind wir bei der Neurobiologie. Sie soll nun die aus der Natur eliminierten subjektiven Qualitäten auf neuronale Aktivitäten zurückführen: Farben werden zu subjektiven Empfindungen oder Illusionen, die das Gehirn erzeugt. Zwar sind die beteiligten neuronalen Bahnen und Areale heute weitgehend bekannt; dennoch misslingt auch dem Neurobiologen die Reduktion der Farben auf materielle Prozesse.

Die schwarz-weiße Mary

Das zeigt ein von Frank Jackson beschriebenes Gedankenexperiment von der fiktiven, genialen Neurowissenschaftlerin Mary, die alles nur Denkbare über die Physik und Physiologie der Farbwahrnehmung erforscht und sich angeeignet hat. Leider hat Mary aber von Geburt an in einem schwarzweißen Labor gelebt und daher selbst niemals Farben gesehen. Doch eines Tages wird sie aus ihrem Gefängnis befreit und erblickt zum ersten Mal in ihrem Leben grüne Bäume.

Wie sieht Mary diesen Baum? Erscheint er ihr so grün wie uns? Und was bedeutet für sie "grün"? © Axel Ellerhorst/ iStock

Erfährt sie nun dabei etwas Neues? Sicherlich, würden wir sagen, denn wie es tatsächlich ist, Grün, Gelb oder Blau zu sehen, unterscheidet sich nun einmal fundamental von all ihrem Wissen um elektromagnetische Wellen und Aktionspotenziale von Nervenzellen. Auch Neurowissenschaftler können daher immer nur gewisse Hirnprozesse als notwendige Bedingungen für das Sehen des grünen Baums feststellen.

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Damit lässt sich zwar die Farbenblindheit erklären, also der Ausfall der Farbwahrnehmung infolge von Hirnläsionen. Doch alles Wissen von diesen Prozessen kann Marys eigene Grünwahrnehmung weder vorwegnehmen noch hinreichend erklären. Mit anderen Worten: Zwischen der subjektiven Erfahrung der Welt und ihrer materialistischen Beschreibung klafft eine grundlegende Erklärungslücke.

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Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs, Universität Heidelberg / Ruperto Carola
Stand: 26.01.2018

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Wie real sind Farben?
Farbwahrnehmung zwischen Physik, Neurobiologie und Empfinden

Alles Illusion?
Die Debatte um die Realität unserer Wahrnehmung

Von den Wellen zum Reiz
Physik und Farbwahrnehmung

Vom Reiz zur subjektiven Empfindung
Was sagt die Neurobiologie?

Warum der Baum doch grün ist
Die Objektivität der Farben

Wenn grün nicht gleich grün scheint
Die Relationalität der Farben

Erst das Zusammenspiel macht's
Farbe entsteht aus der Beziehung zwischen Lebewesen und Umwelt

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