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Vom Kohlenpott zur Metropole

Grüne Städtelandschaft mit kultureller Vielfalt

Das Ruhrgebiet ist nun seit über 40 Jahren in einem Strukturwandel begriffen, den ihm die einstige Montanindustrie abverlangt. Ihre Hinterlassenschaft: eine wirtschaftlich und ökologisch lädierte und kulturell vernachlässigte Region. In den letzten Jahren wurden jedoch vermehrt Anstrengungen unternommen, dem Revier eine andere Identität, ein neues Image zu verpassen. Neue Leitbilder sollten geschaffen werden in den Bereichen Architektur, Kultur und Tourismus – ohne dabei die schwerindustrielle Vergangenheit zu leugnen.

Um die industriell stark überprägte Region ökologisch und ökonomisch aufzuwerten, wurde 1989 die Internationale Bauaustellung Emscher Park

(IBA) gegründet. Das für eine Laufzeit

von zehn Jahren angelegte Projekt hatte sich zum Ziel gesetzt, die Arbeits- und Wohnqualität im Ruhrgebiet zu verbessern und Angebote für soziale, kulturelle und sportliche Tätigkeiten zu schaffen. Ein attraktives Lebensumfeld sollte für die Bewohner gestaltet werden. Letztendlich war dies als „weicher Standortfaktor“ auch ein wichtiger Aspekt für die Ansiedlung neuer Unternehmen.

Margarethenhöhe © RTG Bilddatenbank

Die IBA rettete etliche Industrieanlagen vor dem Abriss oder Verfall. Diese wurden wegen ihrer eigenwilligen Ästhetik häufig nicht als erhaltenswert angesehen und liefen so Gefahr, Opfer eines radikalen Strukturwandels zu werden.Viele dieser Bauten sind heute unter Schutz gestellt und so als kulturelles Erbe bewahrt. Sie dienen der Öffentlichkeit als Museen, Veranstaltungsorte oder aber Arbeitsstätten. Das berühmteste Industrierelikt unter ihnen: das Weltkulturerbe „Zeche Zollverein“, die bereits als „Kathedrale von Essen“ tituliert und mit dem Kölner Dom verglichen wird.

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Auch das „grüne Rückgrat“ des Ruhrgebiets wurde im Rahmen der IBA angelegt: der „Emscher Landschaftspark“, mit über 300 Quadratkilometer Europas größter Regionalpark, durchzogen von einem 230 Kilometer langen Radwanderweg. Durch Neuanpflanzungen werden sieben regionale Grünzüge miteinander zu einem durchgängigen Parksystem verbunden. Darin wechseln sich wilde Naturflächen mit kultivierten Parkanlagen und künstlerisch gestalteten Landschaften ab.

Neben Erholung und Beschaulichkeit im Landschaftspark lockt das Ruhrgebiet mit noch ganz anderen Vergnügen. Nicht mehr Fußball und Brieftaubenzucht sind die wichtigsten Freizeitbeschäftigungen. Wo einst die Bergarbeiter malochten, schwitzen nun die Sportler. Berghalden werden von Mountainbikern befahren, Kühltürme beklettert, Gasbehälter betaucht.

Die einst gesichtslose Revierlandschaft wird zum Ort für Trendsportarten, die Industriekultur zum Event. Besonders die geschichtsträchtigen Industriebauten besitzen heute eine hohe touristische Anziehungskraft und stellen einen neuen wirtschaftlichen Wachstumsbereich dar: den Ruhrgebietstourismus.

Auch von anderen Klischees wird man sich verabschieden müssen. Wohnen in einem Wald von rauchenden Schornsteinen? Nicht mehr, denn dank ökologischer Stadterneuerung wurde viel zur Wohnumfeldverbesserung beigetragen. Darüber hinaus wurden im Zuge der Bauausstellung IBA zahlreiche Bergarbeitersiedlungen saniert. Viele stehen heute unter Denkmalschutz.

Die wohl berühmteste unter ihnen ist die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Margarethe Krupp in Essen errichtete Gartenstadt „Margarethenhöhe“. Dabei sind Sozialfunktion und Lebensqualität der Werkskolonien wiederentdeckt

worden. Traditionell waren die Zechensiedlungen mit einem Garten ausgestattet – gerade so groß, dass „Bergmannskuh“ (Ziege) und „Rennpferd“ (Brieftauben) des Bergarbeiters ihr Zuhause fanden.

Unter dem IBA-Leitthema „Arbeiten im Park“ wurden insgesamt 22 Gewerbe-, Dienstleistungs-, Wissenschaftsparks in ehemaligen Industriebauten errichtet. Auch hier war man bemüht, ein ansprechendes Arbeitsumfeld zu schaffen. Die besondere architektonische Gestaltung lockt besonders High-Tech-Unternehmen an. Im Wissenschaftspark Oberhausen ist 1999 Europas größte Solarzellenfarik in Betrieb genommen worden. Das Ruhrgebiet als traditioneller Energieversorger ist damit Testfeld für neue Energien geworden: Brennstoffzelle, Solarstrom, Internet aus der Steckdose.

Für junge Technologieunternehmer und Existenzgründer wurden eigene Zentren geschaffen. Mit speziellen Raum-, Ausbildungs-, und Beratungsangeboten soll hier die Startphase erleichtert werden. Gefördert wir dies aus Landes- und EU-Mitteln. Im Ruhrgebiet existieren derzeit 30 dieser so genannten „Technologie- und Gründerzentren“ mit insgesamt 600 Unternehmen und 4.600 Beschäftigten. Manche haben sich spezialisiert, wie beispielsweise das Technologiezentrum „Umweltschutz“ in Oberhausen. Die Umwelttechnologien im Bereich Altlastensanierung, Abwasser-, und Abfallwirtschaft sind inzwischen führend. Die Umweltverschmutzung und Altlastenproblematik im Ruhrgebiet ist dadurch ökonomisch sogar zum positiven Faktor des Strukturwandels geworden.

Die Technologiezentren stehen auch im regen Austausch mit der Forschung. 1965 nahm die Ruhr-Universität in Bochum als erste Hochschule im Revier den Lehrbetrieb auf. Das Ruhrgebiet besitzt mittlerweile eine der dichtesten Hochschullandschaften Europas. Inzwischen ist ein breitgefächertes Angebot von Geisteswissenschaften über Kunst und Design bis zu Ingenieur- und Naturwissenschaften entstanden.

Duisburger Hafen © RTG Bilddatenbank

Mit seinen über fünf Millionen Einwohnern ist das Ruhrgebiet kompaktester und größter Absatzmarkt in Deutschland.

Durch seine zentrale Lage im Schnittpunkt europäischer Achsen sieht die Region ihre Chance, Drehscheibe im EU-Binnenmarkt zu werden. In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Betriebe der Logistik und Warendistribution angesiedelt.

Das Ruhrgebiet verfügt zudem über das dichteste Kanal- und Hafennetz Deutschlands mit Duisburg als größten Binnenschifffahrtshafen Europas.War das Revier traditionell mit dem Transport von Massengütern wie Kohle, Erz und Stahl befasst, schlägt es heute mit Bananen und Textilien ganz andere Güter um. Der Duisburger Hafen ist ein multifunktionales Dienstleistungszentrum geworden.

Die Küppersmühle im Duisburger Getreidehafen wurde früher als „Brotkorb des Ruhrgebiets“ bezeichnet. Aus dem Umschlagplatz für Getreide ist ein Quartier mit Flaniermeilen, Luxuswohnungen und Motoryachten geworden. Die einstigen Lagerräume der Küppersmühle beheimaten nun Banken, Call-Center und Internetfirmen.

Aus dem Kohlerevier ist eine Städtelandschaft von hoher Lebensqualität mit viel Grün und großer kultureller Vielfalt entstanden. Die Wirtschaft agiert heute auf breitgestreuten Unternehmensfeldern. Besonders die Ansiedlung kleiner und mittlerer Unternehmen leistet einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Neuorientierung der Region.

Die Städte haben ehrgeizige Pläne. Duisburg will wichtigster Logistikstandort, Dortmund IT-Hauptstadt Deutschlands werden.

Während auf der einen Seite Aufbruchsstimmung herrscht, führen der Niedergang der Montanindustrie und die hohe Arbeitslosigkeit jedoch auch zu Lähmung und Depression. Viele Bergleute beobachten argwöhnisch, wie ihre ehemaligen Arbeitsstätten zu Orten der Spaßkultur umfunktioniert werden.

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Stand: 09.02.2002

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Hightech statt Hochöfen
Das Ruhrgebiet auf dem Weg zur Metropole?

Das Ruhrgebiet
Klischee und Wirklichkeit

Vom Kohlenpott zur Metropole
Grüne Städtelandschaft mit kultureller Vielfalt

Route der Industriekultur
Ruhrkultur pur

Grünes Ruhrgebiet
Oasen in der Industriewüste

Die Städte untereinander
Konkurrenz statt Kooperation

Strukturschwaches Ruhrgebiet
Handeln ist angesagt

In der Diskussion
Aus dem Ruhrgebiet muss Ruhrstadt werden

Der tägliche Verkehrsinfarkt
Stau ohne Ende

Metrorapid als Rückgrat
Die Lösung ?

Mobilitätszentralen
Mit dem "Ruhrpilot" staufrei durchs Revier

Der Ruhrpott entsteht
Von einer explosionsartigen Industrieentwicklung

Der schwierige Strukturwandel
Schwarze Zukunft für die Kohle

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