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Vom Fühlen zum Gefühl

Was Streicheleinheiten angenehm macht

Für sein seelisches Wohlergehen braucht der Mensch Berührung. Doch längst nicht jeder Hautkontakt wirkt als Seelenstreichler. Entscheidend ist, dass die Berührung angenehm ist. Nur dann schüttet der Körper „Glückshormone“ aus, baut Stressbotenstoffe ab und das Herz schlägt langsamer. Wir reagieren deshalb auf sanfte Streicheleinheiten anders als auf ein festes Zupacken, auf die Berührung einer vertrauten Person anders als auf die eines völlig Fremden. Wie aber entscheidet das Gehirn, wie es eingehende Reize interpretiert?

"Kuschelsensoren" reagieren besonders auf handwarme, sanfte Berührungen - deshalb sind Streicheleinheiten so angenehm. © Hemera/ Thinkstock

„Streichelrezeptoren“ in der Haut

Neurowissenschaftler um Håkan Olausson von der Universität Göteborg entdeckten 2002, dass es für die emotionale Bewertung von Berührungen in der menschlichen Haut offenbar ein eigenes System gibt: die sogenannten C-taktilen Nervenzellen. Während andere Hautnerven innerhalb weniger Millisekunden Informationen über die Art und den Ort eines Kontakts an den bewussten Teil des Gehirns senden, schicken diese viel langsamer leitenden Neurone parallel dazu Signale an das Gefühlszentrum. Damit vermitteln sie ganz unbewusst, ob eine Berührung angenehm oder unangenehm ist – und machen aus dem reinen Fühlen ein Gefühl.

Wie die Forscher inzwischen herausfanden, reagiert das C-taktile Netz dabei am stärksten auf sanften Kontakt und insbesondere auf handwarme sowie langsame bis mittelschnelle Berührungen – genau jene Reize, die natürlicherweise von Streicheleinheiten ausgehen. Interessanterweise sind jedoch nur behaarte Hautbereiche von den „Kuschelsensoren“ durchzogen. Auch in den Genitalien gibt es diese Rezeptoren nicht. Demnach spielt das CT-Netzwerk für sexuelle Stimulation keine Rolle. Vielmehr dient es hauptsächlich dazu, soziale Nähe zu vermitteln, glauben Olausson und seine Kollegen.

Weiche Illusion fördert soziale Berührungen

Tatsächlich empfinden wir nicht nur wohlige Gefühle, wenn wir selbst sanft angefasst werden – sondern auch, wenn wir jemand anderen streicheln: „Man kann eine andere Person nicht berühren, ohne selbst berührt zu sein“, sagen Antje Gentsch und ihre Kolleginnen vom University College London.

Und noch etwas ist einzigartig an dieser Wahrnehmung, wie das Forscherteam vor kurzem bei einem Experiment feststellte: Unser Tastsinn lässt uns die Haut des anderen bei sanften Berührungen grundsätzlich weicher erscheinen als unsere eigene, wenn wir uns selber streicheln. Diese Weichheits-Illusion löst eine positive Reaktion im Belohnungszentrum aus. Sie verführt uns dazu, noch mehr von dem angenehmen Gefühl zu wollen, fördert auf diese Weise soziale Berührungen und wirkt wie ein Kitt in unseren Beziehungen.

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Die Wissenschaft weiß damit nun, warum streicheln und gestreichelt werden glücklich – und manchmal sogar süchtig – macht. Klar scheint jedoch auch: Als wie angenehm wir eine Streicheleinheit empfinden, hängt nicht ausschließlich von der Berührung selbst ab. Auch andere Faktoren wie der Kontext, vorherige Erfahrungen und die aktuelle Stimmungslage spielen eine Rolle dabei.

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Daniela Albat
Stand: 02.09.2016

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Die Macht der Berührung
Wie taktile Reize unser (Er-)Leben beeinflussen

Gesund durch Mamas Nähe
Wie Hautkontakt die frühkindliche Entwicklung steuert

Wohltat für Leib und Seele
Warum uns Körperkontakt das Leben erleichtert

Vom Fühlen zum Gefühl
Was Streicheleinheiten angenehm macht

Heilsame Handgriffe
Wie Massage Krankheitssymptome lindern kann

Korrigiertes Körperbild
Wie ein Neoprenanzug Magersüchtigen hilft

Hunger nach Berührung
Warum Kuschelpartys so erfolgreich sind

Berühren ohne zu fühlen
Wenn der Tastsinn streikt

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