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…und manche Menschen vergessen nie etwas

Niemals vergessen: Fluch oder Segen?

Einige Menschen sind nicht in der Lage, bestimmte Sachen zu vergessen, seien es banale Fakten oder eigene Erlebnisse. Und sogar der Körper kann manchmal bestimmte Eindrücke nicht vergessen. Doch was funktioniert hier anders? Und was hat das für Folgen?

Außergewöhnliche Gedächtnisleistung

Was allgemein als photographisches Gedächtnis bekannt ist, wird in der Wissenschaft als eidetisches Gedächtnis bezeichnet und beschreibt die sehr seltene Fähigkeit, Gesehenes über lange Zeit wie ein Foto im Kopf zu speichern. Solch ein außergewöhnliches Gedächtnis besaß auch der US-Amerikaner Kim Peek. Er war in der Lage den Inhalt eines Buches nach dem Lesen zu 99 Prozent korrekt wiederzugeben und kannte den Inhalt von 12.000 Büchern nach eigenen Angaben auswendig.

Eidetisches Syndrom
Inselbegabung: Manche Menschen können sich die Inhalte von über 10.000 Büchern merken. © Allvisionn / iStock.com

Etwa sieben Sekunden brauchte er, um sich den Inhalt einer Buchseite zu merken. Dabei erfasste Peek mit jedem Auge jeweils eine Buchseite gleichzeitig. Bei MRT-Untersuchungen seines Gehirns fiel auf, dass seine beiden Gehirnhälften nur geringfügig miteinander verbunden sind. Diese Verbindung dient normalerweise zur gegenseitigen Kontrolle und Steuerung der beiden Gehirnhälften. Daher wird vermutet, dass die fehlende Verbindung für einen ungebremsten Fluss der visuellen Informationen ins Bewusstsein sorgt. Doch ein Zusammenhang konnte bisher nicht nachgewiesen werden.

Das eigene Leben immer im Kopf

Solche außergewöhnlichen Gedächtnisleistungen können sich anstatt auf neutrale Fakten und Informationen auch auf eigene Erlebnisse und Erfahrungen beziehen. Wie sich das anfühlt, weiß die US-Amerikanerin Jill Price, bei der zum ersten Mal das sogenannte Hyperthymestische Syndrom beobachtet wurde. „Es fühlt sich an, als ob ich immer mit einer Videokamera auf der Schulter herumliefe, die jede einzelne Minute meines Lebens aufzeichnet. Und später kann ich mir auf einem Bildschirm in meinem Kopf die Videos von jedem beliebigen Tag ansehen“, sagt Price gegenüber dem „Spiegel“.

Bei ihr funktioniert das episodische Gedächtnis, das persönliche Erlebnisse und zugehörige Gefühle abspeichert, nahezu perfekt. Bis auf die Beobachtung, dass einige ihrer Gehirnareale überdurchschnittlich groß sind, kennt man die Ursachen des Syndroms bisher aber noch nicht. Betroffene wie Price leiden vor allem daran, negative Erlebnisse immer wieder durchleben zu müssen und nicht verarbeiten zu können. Das Sprichwort „Zeit heilt alle Wunden“ hat für sie keine Bedeutung.

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Reizüberflutung
Reizüberflutung: Traumatische Erinnerungen können immer wieder an die Oberfläche treten. © Slphotography / iStock.com

PTBS: Wenn Vergessen nicht gelingen will

Diese Schattenseite des ausgeprägten Erinnerungsvermögens kennen auch Patienten, die unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden (PTBS). Nach Autounfällen, Vergewaltigungen, Flucht und Vertreibung oder anderen Gewalterlebnissen verblassen die Erinnerungen an diese traumatischen Erlebnisse bei den meisten Menschen allmählich, während andere sie ständig wieder durchleben müssen: Sie können einfach nicht vergessen.

Zwar können Betroffene oft Einzelheiten des traumatischen Ereignis nicht wiedergeben, sind aber trotzdem gezwungen sich ständig schmerzhaft wieder zu erinnern. Was läuft da falsch im Gehirn? Während und nach der traumatischen Situation wird das Gehirn mit Informationen und Reizen überflutet und ist schnell mit dem Anlegen von Erinnerungen überfordert. Wäre das Gedächtnis ein Schrank, hätte es also alle Gefühle, Sinneseindrücke und Gedanken ohne Rücksicht auf die Reihenfolge hineingeworfen. Die Erinnerungsfragmente liegen durcheinander im Schrank und die Tür kann nicht geschlossen werden, ohne dass ein einzelnes Bruchstück wieder herausfällt und dabei unangenehme Gefühle und körperliche Symptome auslöst.

Schmerz
Schmerzgedächtnis: Wenn der Körper den Schmerz nicht vergessen kann. © pixologicstudio / iStock.com

Schmerzgedächtnis: Der Körper vergisst nicht

Neuronen und Nervenbahnen gibt es aber nicht nur in unserem Gehirn, sondern im ganzen Körper. Können also beispielsweise der Rücken oder die Beine auch ein Gedächtnis bilden? Im übertragenen Sinne schon, und zwar für Schmerzen. Der biologische Sinn von akuten Schmerzen besteht normalerweise darin, uns auf potentiell gewebeschädigende Umwelteinflüsse aufmerksam zu machen. Reize von außen werden über das Rückenmark ins Gehirn weitergeleitet und lösen zum Beispiel einen Wegzieh-Reflex aus.

Diese Reizweiterleitung ist aber keine Einbahnstraße und sorgt umgekehrt dafür, dass wir den Bereich um das verletzte Gewebe auch als empfindlicher wahrnehmen und schonen. Wenn nun der Schmerz lange genug anhält, hinterlässt er eine Spur im schmerzverarbeitenden Nervensystem unseres Körpers, die sich regelrecht einbrennt und die Neuronen auch feuern lässt, wenn die ursprüngliche Ursache des Schmerz längst verschwunden ist.

„Derartige Umbauprozesse können nicht einfach wieder rückgängig gemacht werden. Selbst wenn die Ursachen chronischer Schmerzen nicht mehr bestehen, erinnert sich das Gehirn daran. Unsere Forschungen haben ergeben, dass das Gehirn keine Löschtaste besitzt. Erlebte Schmerzen bleiben gespeichert, ihre Spuren können nicht einfach zum Verschwinden gebracht werden“, erklärt Schmerzforscher Walter Zieglgänsberger die Problematik der chronischen Schmerzen.

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Die Macht des Vergessens
Warum ist vergessen zu können so wichtig für uns?

Die Neurobiologie des Vergessens
Vergessen und Erinnern sind eng verknüpft

Mehr als eine Lücke im Gedächtnis
Warum vergessen wir überhaupt?

Manche Menschen vergessen alles…
Wenn das Vergessen zur Krankheit wird

…und manche Menschen vergessen nie etwas
Niemals vergessen: Fluch oder Segen?

Können wir aktiv vergessen?
Trainieren des eigenen Gedankenkarussells

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