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Die Neulandkampagne der Sowjetzeit

Umbruch im Nirgendwo

Die fruchtbaren Böden der eurasischen Steppen sind der Grund für den größten menschlichen Eingriff, den das Ökosystem zu verkraften hatte. Die „Neulandkampagne“ der ehemaligen Sowjetunion in den 1950er Jahren hatte ähnlich drastische Folgen wie die heutigen Abholzungen im südamerikanischen Regenwald. Bis jetzt haben die betroffenen Gebiete ihren ursprünglichen Zustand nicht wiedererlangt.

Sozialistischer Megaplan

Zu Beginn der 1950er Jahre beschloss die Regierung der UdSSR unter Nikita Chruschtschow, Gebiete im Süden und Osten des Landes für den Getreideanbau urbar zu machen. Bis dahin waren nur nomadisierende Viehhirten mit ihren Schafen, Ziegen, Pferden und Kamelen durch die dortigen Steppen gezogen. Die Nutzung durch Haustiere entsprach der natürlichen Beweidung der Steppen durch migrierende Großsäuger wie Gazellen, Antilopen oder Wildpferde und störte das Ökosystem nicht unnötig.

Im Jahre 1954 erfolgte der Startschuss der sowjetischen Regierung für die Neulandkampagne, in deren Folge in den südlichen Teilrepubliken der ehemaligen Sowjetunion 41,8 Millionen neues Ackerland geschaffen wurden. Nachdem die Steppe umgepflügt worden war, legte man riesige Weizenfelder von mehreren Kilometern Länge an. Der Norden Kasachstans, in dem von 1954 bis 1960 25 Millionen Hektar Steppe untergepflügt wurden, konnte sich rühmen, sogar die Ukraine, traditionelle Kornkammer der Sowjetunion, an Getreideanbaufläche übertroffen zu haben: Man hatte Weizenäcker von der Fläche der alten Bundesrepublik Deutschland angelegt.

Krise in den Anfangsjahren

Bewässerungskanal © Edda Schlager

Die Neulandkampagne ging mit einer Besiedelung der zuvor nahezu menschenleeren Steppengebiete einher. Aus allen Teilen des Landes wurden Neubauern in die Neulandgebiete verschickt. Gleichzeitig entstand ein Infrastrukturnetz aus Straßen, Eisenbahnlinien, Bewässerungskanälen, Strom-, Telefon, Öl- und Gasleitungen. Allein in Kasachstan gründete man 500 neue landwirtschaftliche Großbetriebe, die so genannten Sowchosen. Innerhalb von 15 Jahren stieg die Zahl der Einwohner in der Neulandregion von 1,9 auf 3,7 Millionen an.

Vor allen in den Anfangsjahren blieben die Erträge aus den Neulandgebieten weit hinter den Erwartungen zurück. Ursache waren die ungünstigen und schwer kalkulierbaren klimatischen Verhältnisse. Dürrejahre führten zu Missernten, die jenseits der Regenfeldbaugrenze liegenden Felder lieferten ohne zusätzliche Bewässerung oftmals so wenig Ertrag, dass sich der Ernteaufwand kaum lohnte. Durch künstliche Bewässerung oder Düngung stiegen die Ernteerträge in den folgenden Jahren. Doch die Dörfer, die aus den Sowchosen entstanden waren, blieben am Tropf des Staates.

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Stand: 10.06.2005

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Die eurasische Steppe
Verkannte Einöde zwischen Schwarzem Meer und Wüste Gobi

Überblick
Das Wichtigste in Kürze

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