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Trennung und Mischung

Wie Sprachen entstehen

Wie der Mensch ursprünglich zur Sprache gekommen ist, bleibt anthropologische Spekulation. Denn heute entstehen einzelne Sprachen immer aus anderen Sprachen und Dialekten, in der Regel durch Sprachwandel.

Sprachen können durch allmähliche Verschiebungen entstehen - quasi schleichend. © arthobbit/ thinkstock

Wie aus Übergängen Grenzen werden

Wie man sich das im Großen vorstellen könnte, hat 1872 der deutsche Philologe Johannes Schmidt so beschrieben: Man denke sich, auf einer schiefen Ebene angeordnet, eine Reihe untereinander kontinuierlich verständlicher Varietäten A bis X einer Sprache. Wenn nun aber eine davon ein Übergewicht bekommt, durch politische, religiöse, soziale oder sonstige Verhältnisse, dann verdrängt sie ihre Nachbarn. Dies aber führt dazu, dass nun ursprünglich nicht benachbarte Sprachformen aneinandergrenzen. Aus den stetigen Übergänge der schiefen Eben werden so klar abgegrenzte Stufen.

Im Kleinen vollzieht sich dieser Prozess über Lautverschiebungen und Neuerungen in Morphologie, Syntax und Semantik. Sie führen zu unterschiedlichen, zunächst aber noch gegenseitig verständlichen Sprachen. Die Tochtersprachen des Vulgärlateinischen haben sich so aus einem Dialektkontinuum herausgebildet – anfangs, bis ins Mittelalter hinein, noch überdacht vom klassischen Schriftstandard. Italienisch, Französisch, Spanisch und andere mehr wurden aber bald als regelrechte Sprachen empfunden und nicht mehr als neulateinische Dialekte.

Anders ist dies beim Aramäischen, dessen moderne Varianten heute von christlichen und jüdischen Minderheiten im Nahen und Mittleren Osten und der Türkei gesprochen werden. Bei ihnen spricht man bis heute von den „neuaramäischen Dialekten“, obwohl sie sich voneinander viel stärker unterscheiden als die romanischen Sprachen. Die Veränderungen im Laufe der Zeit haben heute die die Verständigung zwischen den Aramäern im Osten und Westen unmöglich gemacht.

Die deutsche Kolonialzeit hat in Namibia nicht nur deutsche Ortsnamen hinterlassen, sondern schuf auch eine Pidginsprache. © queakyMarmot/ CC-by-sa 2.0

Pidgin als Folge der Besetzung

Einen ganz anderen Weg der Sprachentstehung nehmen sogenannte Pidgin- und Kreolsprachen. Pidgins entstehen, wenn Sprecher verschiedener Sprachen eine Fremdsprache unvollkommen erlernen, um sich gegenseitig verständigen zu können. Das älteste bekannte Pidgin basiert auf dem Arabischen und wurde im elften Jahrhundert in Mauretanien gesprochen. Auch das Deutsche hat auf Papua-Neuguinea und in Namibia Pidgins hervorgebracht, die heute aber alle vom Aussterben bedroht sind.

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Aufschlussreich ist auch das Beispiel des Arabischen in Juba, der Hauptstadt des Südsudan. Für die Eroberung des Südsudan hatte die osmanisch-ägyptische Armee im 19. Jahrhundert Sprecher verschiedener sudanesischer Sprachen zwangsrekrutiert. Die Sprache des Befehlshabers war ein ägyptisch-arabischer Dialekt, auf dessen Basis nun das Pidgin entstand, mit dem die neuen Rekruten sich auf einfache Weise verständigen konnten.

Dieses Pidgin wird nach dem osmanischen Wort für „Offizier“ deshalb auch Bimbaschi-Arabisch genannt. Nach dem Ende des Feldzugs blieben die Soldaten in Juba und verständigten sich nicht nur weiterhin mit dem neu entstandenen Pidgin, sondern brachten es auch den Frauen bei, die sie dort heirateten. Noch war diese Sprache ein Pidgin, das von niemandem als Muttersprache gesprochen wurde.

Englisch als Kreolsprache?

Das ändert sich jedoch mit der nächsten Generation, die keine andere Sprache mehr beherrscht. Sobald ein Pidgin zur Muttersprache geworden ist, wird es Kreol genannt und beginnt nun eine eigenständige Entwicklung. Der britische Linguist Bruce Ingham ist der Ansicht, dass auch das moderne Englisch im Prinzip eine Kreolsprache ist: „Sie entsprang aus der Interaktion zwischen dominanten romanisch-sprechenden Normannen und den germanischsprachigen Angelsachsen“, erklärt er.

Seiner Meinung nach könnte das moderne Persisch auf ähnliche Weise durch den Kontakt der persischen Bevölkerung mit einer arabischen Herrscherelite entstanden sein. Die Theorie des niederländischen Sprachwissenschaftlers Cornelis Versteegh, dass auch die modernen arabischen Dialekte aus Pidgins entstanden seien, wird allerdings von den meisten Arabisten abgelehnt.

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Werner Arnold und Gerrit Kloss, Universität Heidelberg / Ruperto Carola
Stand: 10.03.2017

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Vom Lebenszyklus der Sprachen
Wie Sprachen Geburt, Tod und Auferstehung erleben

Geburt und Tod
Warum eine tote Sprache nicht wirklich tot ist

Verdrängt und ausgerottet
Wie sterben Sprachen?

Die Kleinen leiden mehr
Kultur, Politik und Minderheiten

Totes Latein?
Vom Seitenzweig zur Bildungssprache

Wandel statt Tod
Viele Sprachen leben in anderem Gewand weiter

Göttliche Sprachschöpfer
Mythen der Sprachentstehung

Trennung und Mischung
Wie Sprachen entstehen

Wiederauferstehung
Wie Hebräisch und Manx von den Toten zurückkehrten

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