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Traumurlaub oder Isolationshaft?

Invasoren beim Insel-Hopping

Kaum öffnet zischend die Flugzeugtüre drückt sich die schwüle Luft durch den Spalt zwischen Flugzeugrumpf und Gate hinein und taut die klimatisierten Nasen auf. Schwer von Blütenduft und tropischer Feuchte streicht sie über die Haut und begrüßt die Fluggäste mit der Wärme des Äquators, die alles auf Palau gedeihen und wachsen lässt.

Nur die ständige Meeresbrise lässt die Durchschnittstemperatur von 27 Grad bei einer Luftfeuchte von 80 Prozent nicht zu einer unerträglichen Hitze werden. Angenehm streift der Wind über die Brücke, die sich von Babeldaob nach Koror spannt, der Hauptstadt und einzigen Stadt. Aber auch hier blitzt hinter Apartmenthäusern und Geschäften immer wieder recht und links das Wasser auf: 90 Prozent der Inseln sind kleiner als zehn Quadratkilometer. Begrenzt von Küstenlinien und umgeben von Wasser – viel Wasser. Das Meer bestimmt das kulturelle und ökonomische Leben der Menschen genauso wie die Welt der Tiere und Pflanzen.

Inseln haben eine lange Migrantionsgeschichte © Daniel Goliasch

Der Lebensraum einer Insel unterscheidet sich völlig von dem eines Kontinents. Isoliert mitten im Meer muss jedes Tier und jede Pflanzen erst einmal den Weg auf die noch kahlen Felsen der Insel finden. Je weiter die pazifischen Inseln von der asiatischen oder amerikanischen Küste entfernt sind, desto weniger Arten überstehen den beschwerlichen Weg. Palau liegt 1.500 Kilometer von den Philippinen entfernt, deren enorm hohe Artenvielfalt eine ideale Quelle für Emigranten ist. Sie fliegen, schwimmen, treiben auf Baumstämmen oder haben eine Mitflieggelegenheit. Versteckt unter den Federn oder im Darm der Vögel schmuggeln sich auch Einzeller, Bakterien und Pflanzensamen fremder Länder nach Palau.

Als Pioniere erreichen sie eher zufällig die noch junge und unbewohnte Insel. Jeder Samen versucht sich in ein Stück Erde zu verkriechen und jeder Vogel sich ein geschütztes Nest zu bauen. Um in der neuen Umgebung Überleben zu können, müssen sich die Arten auf die speziellen Gegebenheiten ihres neuen Lebensraumes einstellen. Eventuell gibt es kein Süßwasser, keinen Humusboden oder keine hohen Bäume. Durch einen Jahrtausende dauernden Prozess passen sich die neuen „Bewohner“ biologisch an und entwickeln völlig neue Fähigkeiten, wie etwa Fleisch fressende Pflanzen.

Einheimische Spezialisten gegen ungebetene Gäste

Dadurch sind sie Spezialisten in ihrer Welt und haben einen Platz im Lebensraum der Insel gefunden. Doch leben sie in ständiger Konkurrenz mit ihren „Mitbewohnern“: Kampf um Nahrung, Territorium und ums Überleben in der Nahrungspyramide sind an der Tagesordnung. Einige Arten können sich nicht auf die veränderte Nahrung einstellen, finden keinen Fortpflanzungspartner oder werden gefressen – sie sterben aus.

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Jedoch erreichen immer wieder neue Arten die Insel und suchen sich eine eigene Nische zum Überleben oder versuchen andere zu verdrängen. Selbst wenn sie sich einen Platz erkämpft haben, bleibt ihre Anzahl durch schwierige Lebensbedingungen und natürliche Feinde beschränkt. Doch manchmal sind sie den einheimischen Arten so fremd, dass diese gegen die ungewohnten Waffen völlig wehrlos sind. Vielleicht kommen diese mit den Schiffen der Spanier im 16. Jahrhundert, als blinde Passagiere der Langstrecken-Vögel oder in den Touristenkoffern mit dem Flugzeug. Die Invasoren verdrängen ganze Spezies oder rotten sogar eine Art völlig aus. Die braune Baumschlange etwa hat bereits den Vogelbestand der Nachbarinsel Guam drastisch reduziert, weil sie mit Vorliebe deren Eier frisst. Auf Palau breitet sich seit einigen Jahren die sehr schnell wachsende Efeu-Art Kebeas (Merremia peltata) aus. Sie nimmt sofort von Lichtungen besitz und erstickt alle Pflanzen und Bäume, über die sie ihr dichtes Blätternetz zieht.

Jede Art musste sich erst seinen Platz erkämpfen © Daniel Goliasch

Selbst die Menschen bekamen die Eindringlinge zu spüren: Fast 90 Prozent der 50.000 Palauaner starben im Mittelalter an den eingeschleppten Krankheiten der Europäer. Erst im letzten Jahrhundert ist die Bevölkerung wieder langsam auf 20.000 Menschen angestiegen.

Aber auch ohne den Eingriff von Außen ist die Isolation einer Insel nicht nur Schutz, sondern ebenso Gefahr. Weltweit waren 90 Prozent aller bislang ausgestorbenen Vogelarten Inselbewohner. Die Tierarten auf Inseln sind besonders gefährdet, da sie durch ihre geringen Bevölkerungszahlen extrem anfällig für natürliche Gefahren sind. Ein Bevölkerungsrückgang oder ein Massensterben durch Sturm, Feuer oder Krankheit kann schnell zu einem so kleinen Bestand führen, dass Inzucht zu Missbildung und Unfruchtbarkeit führen.

Zum Schutz der einheimischen Arten versuchen daher die Zollbehörden vor allem die von Menschen eingeschleppten Arten aufzuhalten. Kommt eine Lieferung aus Guam, wird jeder Kühlschrank, jedes Auto jedes Paket nach der Braunen Baumschlange durchsucht. Seitdem jedoch der Flug- und Frachtverkehr immer stärker zunimmt, ist der Schutz vor Invasoren ein Kampf gegen Windmühlen geworden.

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Stand: 05.05.2006

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Palau
Arche Noah im Westpazifik

Geburtsstunde Null...
Von Vulkanbergen und Koralleninseln

Traumurlaub oder Isolationshaft?
Invasoren beim Insel-Hopping

Das Mosaik im Mosaik
Warum Artenvielfalt nicht nur mit Tieren zu tun hat

Königreich der Quallen
Gefahrlos Baden im Jellyfish-Lake

Multikulti-See für Alle
Süßwasser im Pazifik?

Mangroven-Welten
Ein Wald für Meer und Land

Kuriose Unterwasserwelt
Von Disko-Muscheln und Warzenschnecken

Diaschauen zum Thema

keine Diaschauen verknüpft

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