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Tödliche Umklammerung

Die Würgfeige trägt ihren Namen zurecht

Ab und zu gelangt im tropischen Regenwald durch Affen oder Vögel der winzige Same einer Nüßchen-Frucht auf einen Ast hoch oben in der Krone eines Baumes. Dieser kleine Same kann das Todesurteil für den riesigen Urwaldbaum bedeuten.

Zunächst beginnt alles ganz harmlos: Aus dem Samen, der möglicherweise in einem kleinen Humusteppich einer Astgabel einige wenige Nährstoffe findet, keimt eine Pflanze und wächst langsam heran. Dabei lebt sie rein epiphytisch, hat also keinerlei Bodenkontakt. Aber nur hier oben, im Blätterdach der Bäume findet sie genügend Licht, um Photosynthese zu betreiben.

Ficus bengalensis © Joseph W. Dougherty

Nach einer Weile bildet die noch junge Würgfeige eine größere Anzahl an Luftwurzeln, die teilweise frei herabhängen und sich teilweise an den Stamm des Baums schmiegen. Diese Luftwurzeln wachsen aus der Baumkrone nach unten, bis sie den Boden erreicht haben. Nun kann die Pflanze Wasser und Nährstoffe aus dem Boden aufnehmen und wächst sehr viel schneller.

Die Würgfeige dehnt sich aus, bis ihre Krone die Blätter ihres Trägerbaums völlig überdeckt und diese kein Licht mehr bekommen. Gleichzeitig erstarken die Luftwurzeln und schlingen sich immer enger um den Stamm. Durch den Druck wird der Baum am sekundären Dickenwachstum gehindert, der Stammumfang nimmt nicht mehr zu. Außerdem werden die Leitungsbahnen abgeschnürt – der Stamm kann kein Wasser und keine Nährstoffe mehr in die Krone transportieren.

Während sich die Wurzeln der Würgfeige dicker und dicker um den Stamm schnüren und dabei zu einer Röhre zusammenwachsen, stirbt der Trägerbaum im Innern ab. Sobald er verrottet ist, bleibt der ehemalige Epiphyt mit hohlem Stamm zurück.

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In den Regenwäldern Südostasiens kann es passieren, dass sich ein vermeintlicher Wald als eine einzige riesige Würgfeige entpuppt. Einige Arten, zum Beispiel Ficus bengalensis, bildet nämlich Luftwurzeln aus, die sich stark verdicken, sobald sie den Boden erreichen. Auf diese Weise entstehen mehrere Stützsäulen. Sobald die Baumkrone wächst, werden mehr von diesen Stützwurzeln gebildet, so dass nach einer Weile jede dieser Stützen wie ein eigener Baumstamm wirkt. Eine einzelne Würgfeige kann sich auf diese Weise auf eine Fläche von bis zu zwei Hektar ausdehnen.

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Stand: 06.06.2002

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Mordende Pflanzen
Brutale Strategien im Reich des Chlorophylls

Von wegen wehrlos
Die fiesen Tricks der Pflanzen

Verführerische Fallen
Extra-Mahlzeit für die Kannenpflanzen

...und die Falle schnappt zu
Die schnellste Bewegung im Pflanzenreich

Tödliche Umklammerung
Die Würgfeige trägt ihren Namen zurecht

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