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Forscher tüfteln an In-vitro-Fleisch

Tierisches aus dem Reagenzglas

Warum sollte man Pflanzenzellen dazu bringen, sich wie Fleisch zu verhalten, wenn man auch tierische Zellen dafür nehmen kann? Genau das ist die Idee hinter In-vitro-Fleisch – Fleisch, das im Reagenzglas wächst. Das Prinzip: Einem lebenden Tier werden im Rahmen einer Biopsie Muskelstammzellen entnommen und diese dann im Labor vermehrt.

Dabei entwickeln sich die Zellen in einer Nährlösung zu ausdifferenzierten Muskelzellen, die schließlich auf einer Art Gerüst zu Muskelfasern zusammenwachsen. Diese Methode entspricht im Grunde dem Züchten von Gewebe zu medizinischen Zwecken, wie es sich etwa bei Hauttransplantationen bewährt hat.

Mark Post präsentiert seinen im Labor gewachsenen Hamburger. © Mosa Meat/ Redwan Farooq

Der Machbarkeitsbeweis

Dass sich das künstlich gewonnene Gewebe tatsächlich zu so etwas wie einem Fleischstück verarbeiten lässt, bewiesen Forscher erstmals im Jahr 2013. Damals präsentierte ein Team um Mark Post von der Universität Maastricht den ersten In-vitro-Burger: eine Rinderbulette, zusammengesetzt aus 20.000 winzigen Muskelfaserstreifen.

Geschmacklich überzeugte diese Premiere allerdings nur mäßig. So meldeten es die österreichische Lebensmittelforscherin Hanni Rützler und der US-Ernährungsjournalist Josh Schonwald, die die Fleischhäppchen bei einem Testessen in London als Erste serviert bekamen. Beide hätten sich nach eigener Aussage über Ketchup gefreut. Ebenfalls wenig überzeugend waren damals die Herstellungskosten: stolze 250.000 Euro pro Burger.

Nicht nur Rindfleisch

Heute sind die Labor-Metzger der Marktreife schon deutlich näher. Das von Post gegründete Unternehmen Mosa Meat hat den Preis auf rund zehn Euro pro Portion senken können – und auch am Geschmack gefeilt. So werden inzwischen künstlich erzeugte Fettzellen als Geschmacksträger unter die Muskelfasern gemischt. Das ergäbe schon ein ganz ordentliches Ergebnis, sagt Post.

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Doch seine Firma ist nicht die einzige, die Fleisch aus Zellkulturen schon bald auf unsere Teller bringen will. Das US-amerikanische Unternehmen Memphis Meats stellte der Öffentlichkeit vor zwei Jahren sein eigenes Fleischbällchen aus Muskelzellen von Rindern und Schweinen vor. 2017 folgte Enten- und Hähnchenfleisch.

Künstliches Sushi

Ebenfalls an Hähnchenfleisch aus dem Reagenzglas tüftelt zurzeit das israelische Start-Up Supermeat. Seit Anfang 2018 mischt bei diesem Projekt auch ein deutscher Geflügelfleischkonzern mit: Die für ihre Marke Wiesenhof bekannte PHW-Gruppe ist bei Supermeat eingestiegen.

Unterdessen versucht sich die US-Firma Finless Food an „zellulärer Landwirtschaft“ mit Meeres- statt mit Landtieren: Ihr erstes Produkt soll künstliches Fleisch vom Blauflossen-Thunfisch sein – ein beliebter, aber von Überfischung bedrohter Speisefisch.

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Daniela Albat
Stand: 17.08.2018

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Fleisch 2.0
Auf der Suche nach alternativen Proteinquellen

Problematischer Fleischhunger
Fleischproduktion bringt die Erde an ihre Grenzen

Insekten-Spieß statt Schaschlik?
Käfer und Co als Fleischersatz

Schnitzel ohne Fleisch
Pflanzliche Alternativen von Soja bis Lupine

Ein "unmöglicher" Burger
Blutiges Pflanzenhack für echte Fleischfans

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Echtes Fleisch ohne schlechtes Gewissen?
Die Vision und die Realität

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