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Warum das Leben in der Stadt besonders häufig krank macht

Stress and the City

Im Jahr 1950 lebte nur rund ein Drittel aller Menschen in der Stadt, heute ist es bereits die Hälfte. Für jeden zweiten von uns sind Verkehr, Lärm, Hektik und das dichte Gewusel der Stadt daher längst Alltag. Aber welche Folgen hat dies für unsere Psyche?

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Unsere Vorfahren wären vom Lebensrhythmus der heutigen Städte vermutlich vollkommen überfordert gewesen. Sie lebten in kleinen, überschaubaren Gruppen – jeder kannte jeden und das Sozialgefüge war relativ stabil. Anders dagegen in der Stadt: Hier begegnen wir täglich dutzenden wildfremder Menschen. In Sekundenbruchteilen schätzen wir ab, ob sie uns freundlich oder feindlich gesinnt sind, ob wir sie kennen oder kennen müssten und wie wir uns ihnen gegenüber verhalten. Für unsere Sinne und unsere Gehirn ist das harte Arbeit und – purer Stress.

Mehr Depressionen, Ängste und Schizophrenie

Und dies scheint Folgen zu haben: „Obwohl Stadtbewohner im Durchschnitt wohlhabender und besser ernährt sind und auch von einer besseren Gesundheitsversorgung profitieren als Menschen auf dem Land, haben sie umgekehrt ein höheres Risiko für eine psychische Erkrankung“, erklärt Florian Lederbogen vom Zentrum für mentale Gesundheit der Universität Heidelberg. Studien zeigen, dass Stadtmenschen 21 Prozent häufiger an einer Angsterkrankung leiden und 39 Prozent häufiger an einer Depression oder anderen Befindlichkeitsstörung. Für Schizophrenie liegt das Risiko in der Stadt sogar doppelt so hoch wie auf dem Land.

Aber woran liegt das? Dass auch hier Stress mit im Spiel sein könnte, liegt nahe. Immerhin gibt es auch im Tierreich zahlreiche Hinweise darauf, dass übermäßige Enge und Überbevölkerung Verhaltensänderungen und Krankheiten auslösen kann, die Beispiele reichen vom Insektenstaat bis zur Kolonie von Lemmingen. Lederbogen und seine Kollegen gaben sich mit dieser lapidaren Erklärung aber nicht zufrieden: Sie wollten genau wissen, was die Stadt mit uns macht. Dazu begaben sie sich auf Spurensuche im Gehirn.

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Bei gestressten Großstädtern sind die Mandelkerne (rot) besonders aktiv © DOE

Überaktives Gefühlszentrum

Für ihre Studie verglichen die Forscher die Hirnaktivität von Probanden vom Land, aus kleineren Orten und aus Großstädten mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT). Während die Teilnehmer im Hirnscanner lagen, absolvierten sie einen Stresstest: Sie mussten unter Zeitdruck Rechenaufgaben lösen. Als zusätzlichen sozialen Stressfaktor erhielten sie nach jedem Testabschnitt über Kopfhörer und Video ein negatives Feedback von den Forschern. „Wir erzählten ihnen, dass sie zu scheitern drohten und im Vergleich zu den anderen Probanden sehr schlecht waren“, erklärt Lederbogen. Puls, Blutdruck und der Gehalt des Stresshormons Cortisol im Speichel der Probanden gaben den Wissenschaftlern Auskunft über ihr individuelles Stressniveau.

Die Auswertung ergab Erstaunliches: Eine Region im Gehirn der Probanden war umso aktiver, je urbaner sie aufgewachsen waren und lebten. „Die Aktivität im Mandelkern erhöhte sich schrittweise von Landbewohnern über die Kleinstädter bis hin zu den Großstadtbewohnern“, berichten Lederbogen und seine Kollegen 2001 im Fachjournal „Nature“. Der Mandelkern aber spielt eine wichtige Rolle bei verschiedensten psychischen Erkrankungen, wie die Forscher erklären. Dieses Zentrum springt unter anderem immer dann an, wenn wir Angst und andere negative Gefühle empfinden. Leidet jemand unter einer Depression oder anderen psychischen Störung, ist der Mandelkern oft überaktiv – und er fühlt sich entsprechend mies.

Lage des anterioren cingulären Cortex (pACC), dieses Zentrum trägt dazu bei, den Mandelkern, die im Mandelkern verarbeiteten negativen Gefühle zu regulieren. © Life Science Databases(LSDB) / CC-by-sa 2.1 jp

Gestörte Verbindung zum Kontrollorgan

Ein weiteres Areal, der sogenannte peringuale anteriore cinguläre Cortex (pACC), feuerte bei den Teilnehmern, die in der Stadt aufgewachsen waren, auffallend wenig – unabhängig davon, wo sie später lebten. Gleichzeitig war bei diesen Probanden auch die Verknüpfung zwischen dem pACC und dem Mandelkern deutlich schwächer ausgeprägt. „Beide Strukturen sind funktionell eng miteinander verbunden“, erklärt Lederbogen. „Der cinguläre Cortex trägt normalerweise dazu bei, die Aktivität des Mandelkerns bei negativen Gefühlen zu regulieren.“ Sei diese Verknüpfung aber schwächer, falle auch diese dämpfende Wirkung des pAAC entsprechend geringer aus. Und eine solche gestörte Verbindung finde sich auch häufig bei Patienten mit nicht-genetisch bedingter Schizophrenie.

„Damit haben wir zum ersten Mal konkrete Zusammenhänge zwischen der urbanen Umwelt und neurologischen Prozessen nachgewiesen“, konstatieren die Forscher. Das Leben in der Stadt hinterlässt demnach messbaren Spuren im Gehirn und diese wiederum könnten erklären, warum gestresste Stadtmenschen anfälliger für bestimmte psychische Erkrankungen sind.

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Nadja Podbregar
Stand: 25.01.2013

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Krankmacher Stress
Welche Spuren hinterlässt die psychische Belastung in unserem Körper?

Phänomen mit zwei Gesichtern
Wozu ist Stress überhaupt gut?

Einsam und überarbeitet
Auslöser und Folgen von chronischem Stress

Stress and the City
Warum das Leben in der Stadt besonders häufig krank macht

Frühe Prägung
Stress in der Kindheit hinterlässt dauerhafte Spuren

Blockaden am Erbgut
Stress hinterlässt Spuren auch an den Genen

Warum Stress alt macht
Psychische Belastung wirkt auf die Chromosomen

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