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Stilblüten der Moderne

Virtuelle Friedhöfe & Co.

Jede Zeit findet ihre eigenen Formen, um mit der Trauer umzugehen. So auch das moderne Informationszeitalter. Seit etwa fünf Jahren muss man sich nicht mehr nur auf Grabstätte und Todesanzeige beschränken, sondern bekommt auch im Internet Trauerservice geboten.

Virtuelle Friedhöfe sprießen aus dem Netz. Statt Todesanzeigen in der Lokalpresse kommen nun weltweit zugängliche virtuelle Gedenksteine für die Verblichenen in Mode. Das geht von einem kurzen Eintrag mit Name, Geburts- und Todestag und Gedenkspruch, bis hin zu mehreren Seiten mit Fotos, Videos, Musik und langen Texten über die betrauerte Person. Sogar Totenlicht, Madonna, Blumengebinde oder Erinnerungsstein können per Mausklick abgelegt werden – gegen Gebühr, versteht sich. Sehr praktisch, so kann man sich den mühsamen Weg zum Grab gleich ganz sparen.

In Shanghai unternahm die Stadtverwaltung im Jahr 2000 den Versuch, den Bürgern die Einäscherung nahe zu bringen, indem sie einen offiziellen virtuellen Friedhof einrichtete. Die sonst in China übliche Einäscherung ist in Shanghai nicht vorgeschrieben und die Erdbestattungen führten langsam zu Platzproblemen. Der ausgeprägte chinesische Ahnenkult soll sich daher stattdessen virtuell abspielen. Ist doch kein Drama, würde ein Japaner vielleicht sagen. In Japan sind einige Hausaltare für den Ahnenkult bereits mit Videobildschirmen ausgerüstet, ganz zu schweigen von anderen technischen Errungenschaften wie automatischen Türöffnern, Kassettenrekorder oder elektrischen Kerzen.

Besonders in den USA scheint sich der Trend zur Trauerbewältigung per Internet schnell durchzusetzen. Die Angebote virtueller Friedhöfe hier in Deutschland geben dagegen ein eher klägliches Bild ab. Die Seiten sind oft schlecht gepflegt und umständlich zu bedienen. Trotzdem verlangen einige zum Teil horrende Preise, da werden schon mal über Tausend Euro für die Einrichtung eines umfangreichen Memorials verlangt. Der Tier- und Tamagotchifreund kann sich glücklich schätzen: Friedhöfe für Kuscheltiere sehen im Vergleich dazu um einiges besser aus und sind meist umsonst.

Auf einem Friedhof in Los Angeles, dem „Hollywood Forever Cemetery“, wurden Grabsteine aufgestellt, die statt Schriftzug ein Bildschirm ziert. Gibt man den passenden Code ein, erscheint der Tote auf dem Bildschirm. Im Service inbegriffen ist natürlich auch ein ewiges Denkmal auf der Internetseite „Forever Network“. Eine glänzende Marketingidee der Friedhofsmanager, um den heruntergekommenen Star-Friehof wieder aufzumöbeln.

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Viel Lärm um Nichts gab es, als Bernd Bruns auf dem Grab seiner Mutter in Gladbeck eine eher unkonventionelle Grabplatte anbringen ließ. Neben einem Foto seiner Mutter prangte die Internetadresse ihrer virtuellen Gedenkstätte. Die Friedhofsverwaltung lief Sturm: Werbung für das Internet sei nicht zulässig und außerdem fehlen christliche Symbole. Auf diesem Friedhof gelten allerdings nur Madonna und Kreuz als christliche Symbole – Fisch und Taube, die auf der Grabplatte dargestellt sind, jedoch nicht. Die katholische Kirchengemeinde entschied jedoch, dass an der Grabplatte nichts auszusetzen sei und sie demnach liegen bleiben könne. Zu dem von Bruns angestrebten Musterprozess gegen das seiner Meinung nach „willkürliche und verfassungswidrige“ Friedhofsrecht kam es nicht.

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Stand: 23.09.2005

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Der Tod
Tabu und Faszination

Eigentlich ganz simpel
Der Tod aus biologischer Sicht

Wann ist man tot?
Der Hirntod

Schlafes Bruder
Selbstmord und Sterbehilfe

Was kommt danach?
Das Jenseits

Ein Hauch von Jenseits
Nahtoderfahrungen aus biologischer Sicht

Für die Ewigkeit
Mumifizierung

Vom Leichnam zum Ausstellungsobjekt
Plastination

Wohin mit den Toten?
Bestattungsrituale

Ein düsteres Gewerbe
Bestattungsunternehmen

Graues Einerlei?
Gräber, Urnen, Särge

Öfter mal was Neues
Von Weltraumbestattungen und Ascheperlen

Der Mensch aus dem Eis
Kryonik

Ahnenkult und Halloween
Wie gedenken wir der Toten?

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