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Schlepper und Schlafsaal

Wozu dient das ATV-4?

Die ISS-Crew beim Auspacken der Fracht des ATV-4 © ESA / Lionel Ferra

19. Juni 2013. Seit gut drei Tagen ist der Raumtransporter ATV-4 an der ISS angedockt. Die Astronauten an Bord haben bereits erste Frachtstücke umgeladen, darunter eine neue Wasserpumpe für das Raumlabor Columbus. Bevor es aber weitergeht, muss der Transporter noch einen weiteren wichtigen Teil seiner Arbeit leisten: Er muss schieben – und zwar die gesamte, 450 Tonnen schwere Raumstation.

Schub für die Raumstation

Denn die ISS wird bei ihrem Flug ständig leicht durch die dünnen Gasreste in ihrem Orbit abgebremst. Dadurch verliert sie pro Tag rund 50 bis 150 Meter an Höhe. Unternimmt man nichts dagegen, sinkt sie immer weiter und stürzt schließlich ab. Damit das nicht passiert, braucht die Raumstation regelmäßig neuen Schub – und den bekommt sie auch vom jeweils angedockten ATV. Eigens dafür hat der Transporter mehr als vier Tonnen Treibstoff an Bord, die seine vier Haupttriebwerke versorgen. Alle zehn bis 45 Tage werden sie für einige Minuten gezündet, um die Raumstation leicht zu beschleunigen und damit auch auf einen höheren Orbit anzuheben.

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Das ist auch am 19. Juni der Fall. 407 Sekunden Schub aus zwei der Antriebsdüsen des ATV reichen dabei bereits, um die ISS um einen Meter pro Sekunde zu beschleunigen. Vor allem in diesem Jahr werden allerdings noch viele weitere Hebungen nötig sein. Denn die Sonne tritt 2013 in ihr solares Maximum ein. Das bedeutet, dass Sonnenstürme häufiger werden und der verstärkte Einstrom von Strahlung und energiereichen Teilchen die Erdatmosphäre zusammendrückt. Dadurch wird auch die Luft auf Höhe der ISS etwas dicker – und bremst die Station noch stärker ab als in Zeiten geringer solarer Aktivität.

Das „Tiramisu Vehicle“

Jetzt können die Astronauten weiter umladen – und auch ihre ganz persönlichen „Mitbringsel“ in Empfang nehmen. Spätestens jetzt wird auch klar, warum die ISS-Besatzung dem ATV-4-Transporter den Spitznamen „Automated Tiramisu Vehicle“ gegeben hat: Denn für den ESA-Astronauten Luca Parmitano sind gleich mehrere Mahlzeiten aus seiner Heimat Italien mit an Bord. Pilzrisotto, Auberginenauflauf und Tiramisu als Dessert – 300 Kilometer über der Erdoberfläche. Sie wurden eigens von einem Fünf-Sterne Koch gekocht und dann mit Hilfe einer Spezialbehandlung gefriergetrocknet.

Blick in das Innere des angedockten ATV-4 © ESA/NASA

Das klingt im ersten Moment wie Luxus und vielleicht auch unnötig. Aber die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass der Spruch: „Essen hält Leib und Seele zusammen“ an einem

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so isolierten Ort wie der Raumstation erst recht gilt. Er trägt dazu bei, die Astronauten trotz schwerer Arbeit, Enge, kaum Privatsphäre und wenig Schlaf bei Laune zu halten.

Apropos Schlaf – auch dafür ist der ATV der ISS-Besatzung sehr willkommen. Denn hier gibt es etwas, das auf der Raumstation Seltenheitswert hat: Dunkelheit und Ruhe. Denn die Astronauten haben zwar winzige Schlafkabinen, diese sind aber winzig wie Telefonzellen. Zudem sind das Rauschen der Klimaanlagen und anderer Geräte und das aus der ständig beleuchteten Umgebung einfallende Licht nicht gerade schlaffördernd. Der Fracht- und Laborraum des ATV hat dagegen keine Klimaanlage und auch kein Dauerlicht – ein idealer Schlafraum also.

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Nadja Podbregar
Stand: 05.07.2013

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Ein Raumtransporter für alle Fälle
Das europäische ATV, die Raumstation und der Weg zum Mond

14,6 Kilo pro Tag und Nase
Nachschub für die Umlaufbahn

Rendezvous im Orbit
Maßarbeit bei 28.000 km/h

Schlepper und Schlafsaal
Wozu dient das ATV-4?

Russisches Wasser und irdische Keime
Die Fracht des ATV-4

Zum Mond und darüber hinaus
Die Zukunft des ATV

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