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Ruinen in Four Corners

Die verlassenen Städte

Cliff Palace © Karl Scherer

Neben der steinernen Landschaft ist die eigentliche Besonderheit des Vierländerecks im Südwesten der USA die Felsensiedlung der Anasazi-Indianer. Bis heute liegt über dem gesamten Areal nach Meinung von vielen Besuchern eine mystische Atmosphäre von Magie und Zauber. Und auch die Pueblo-Indianer – die Nachfahren der Anasazi – können hier angeblich noch die lebendigen Seelen ihrer Ahnen spüren. Wahrheit oder Legende? Sind vielleicht das gleißende Licht und die extremen Witterungsverhältnissen (40°C im Sommer und minus 30°C im Winter) in der Gegend der Grund für die Empfindungen? Wird das Bewusstsein der Touristen eher dadurch beeinflusst? Nach einer Legende der Hopi-Indianer ist genau dieser rätselhafte Wandel des Verstandes und Geistes der Grund für die Wanderungen der „Alten“ in die unwirtliche, aber wunderschöne Region von Four Corners. Erst dadurch würde den Menschen die eigene Bedeutungslosigkeit in den Weiten des Kosmos deutlich gemacht.

Die Kultur der Anasazi

Generell werden von Forschern bei der Kultur der Anasazi drei Zweige unterschieden: Kayenta in Arizona, Chaco Canyon in New Mexico und Mesa Verde in Colorado. Auch wenn sie alle der gleichen Zivilisation angehörten, unterschieden sie sich doch im Stil ihrer Keramik und Architektur.

Zu Beginn lebten die Anasazi noch in einfachen unterirdischen Erdgrubenhäusern (pit houses). Später dann – um 750 nach Christus – zogen sie in überirdische Lehm- und Steinbauten (Pueblos), bis sie um etwa 1100 die Mesa – den Tafelberg -verließen, um große Siedlungen in die schwer zugänglichen Nischen der Felswände zu bauen. Mit ihrem perfektionierten baumeisterlichen Geschick, gelang es den Indianern unter großen überhängenden Wänden ganze Wohnkomplexe in den weichen Felsen zu errichten, die im Englischen als „cliff dwellings“ bezeichnet werden. Die Wohnungen bestanden meistens aus kleinen Zimmern, die in zwei bis vier Stockwerken dicht aneinander gebaut waren, und einer großen runden Kiva – einem Gemeinschaftsraum, der für spirituelle Zeremonien genutzt wurde. Was genau die Anasazi damals dazu gebracht hat, die Mesa zu verlassen, und in die schwer einnehmbaren Canyonwände umzusiedeln, ist bis heute nicht geklärt.

Mesa Verde: Cliff Palace

Der im Bundesstaat Colorado gelegene Nationalpark, der einen Teil von Four Corners umfasst, heißt Mesa Verde. Wegen seiner dichten Vegetationsschicht gaben die Spanier dem Tafelberg diesen Namen, der soviel wie „grüner Tisch“ oder „grüne Tafel“ bedeutet. Das Plateau, das sich 600 Meter nahezu senkrecht aus den Ausläufern der südlichen Rocky Mountains erhebt, besteht aus vier Sedimentschichten, die in der mittleren Kreidezeit abgelagert wurden. Die oberste und damit jüngste Schicht ist der Cliff-House-Sandstein, in dem sich auch fast alle Ruinen der Klippensiedlungen der Anasazi befinden. Weit ab von jeder Zivilisation galten die weitläufigen Ruinen erst 1888 als vollständig erforscht. Mesa Verde ist der einzige Nationalpark in den USA, der der Bewahrung menschlicher Kultur dient. Die National Geographic Society zählt ihn sogar zu den 50 Zielen auf dieser Erde, die man in seinem Leben gesehen haben sollte.

In Sandstein gemeißelt: Cliff Palace © Karl Scherer

Ungefähr 600 Klippensiedlungen befinden sich innerhalb des Nationalparks Mesa Verde. Eine der bekanntesten von ihnen ist Cliff Palace. Cliff Palace bestand aus 23 runden Kultkammern (Kivas) sowie 200 Stein- und Lehmhäusern. In den riesigen Klippenhäusern von Mesa Verde haben vermutlich auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung zwischen 30.000 und 40.000 Indianer gelebt.

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Nach den ersten Funden entdeckte man immer mehr der markanten Siedlungen in den natürlichen Felsvorsprüngen. Vor allem gewaltige Buschbrände bringen auch heute noch neue Teile der Ruinen zutage, die bisher unter Vegetationsschichten verborgen waren. Allein 1996 wurden 400 weitere Ruinen im Nationalpark Mesa Verde „freigelegt“.

Chaco Canyon: Pueblo Bonito

225 Kilometer südlich von Mesa Verde liegt Chaco Canyon. Hier befindet sich die neben Cliff Palace beeindruckendste Anasazi-Hinterlassenschaft: das Pueblo Bonito. Diese geheimnisvolle Stätte und größte erhaltene Siedlung der Anasazi-Kultur besteht aus 37 Kivas und war der Mittelpunkt des Gemeinschaftslebens von Chaco Canyon. Ungefähr 1.200 Indianer lebten allein hier, im gesamten Einflussbereich waren es circa 30.000 Anasazi.

Chaco Canyon: Pueblo Bonito © Dirk Schröder

Zwischen 900 und 1100 nach Christus erbauten die Indianer dort, auf einer rund ein Hektar großen Fläche, mächtige Siedlungen in Form eines „D“. Mehrere Kivas gruppierten sich dabei um einen Innenhof. Sandstein mit einem Gesamtgewicht von über 30.000 Tonnen haben die Anasazi damals aus der Canyonwand geschlagen, in Form gehauen und schließlich mit Lehmmörtel ein zweischaliges Mauerwerk damit errichtet. Die 800 Wohnräume der vierstöckigen Häuser befanden sich an den Außenmauern. Über 20.000 entrindete Baumstämme trugen Dächer und Zwischendecken.

Bei ethnologischen Studien fanden Wissenschaftler heraus, dass die Anasazi gezielte Sonnenbeobachtungen durchführten und ihr dabei gewonnenes Wissen beim Hausbau einsetzten. Ihre Wohnungen waren nur nach Süden geöffnet, was dafür sorgte, dass die Sonne im Sommer auf die Flachdächer der Siedlung strahlte und nach oben reflektierte. Die Temperaturen im Dorf blieben dadurch in einigermaßen erträglichen Bereichen. Im Winter hingegen beschien die Sonne die Hauswände und heizte sie auf.

Die Anasazi: Volk ohne Rangordnungen

Die Anasazi waren nach Meinung der Völkerkundler wahrscheinlich ein relativ friedvoll miteinander lebendes Volk ohne Rangordnungen innerhalb des Stammes. Dies belegt die Wohnkomplexanordnung bei der bis jetzt noch keine Überreste von auffallend prunkvollen und hervorstechenden Gebäuden entdeckt wurden.

Die Bewohner dieser Siedlungen entwickelten sich seit der Zeitenwende, als sie das erste Mal in Four Corners auftauchten, von Korbflechtern weiter zu geschickten Töpfern und Bauern. Dank eines ausgeklügelten Bewässerungssystems betrieben sie auch in dieser Einöde mit glühendheißen Sandböden erfolgreich Ackerbau. Vor allem Mais, Melonen, Paprika, Bohnen und Tabak bauten sie an. Die bei der Jagd erlegten Tiere diente lediglich der Nahrungsergänzung.

Ein weiteres, bis jetzt ungelöstes Phänomen rund um die Anasazi in Chaco Canyon ist das weit verzweigte, über 600 Kilometer lange Straßennetz. Die teilweise neun Meter breiten und schnurgeraden Straßen, die ab und zu abrupt in der Wüste enden, geben den Forschern Rätsel auf. So wurde nach den bisherigen Erkenntnissen der Wissenschaftler hier nie ein intensiver Handel betrieben, der dieses Wegsystem rechtfertigen könnte. Mal ganz abgesehen davon, dass die Anasazi weder über Wagen, noch über Zugtiere verfügten. Hatten die Straßen eventuell kultische Funktion? War Chaco Canyon das spirituelle Zentrum dieser Gegend? Dies sind nur einige der Fragen, die noch auf eine fundierte Antwort warten…

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Stand: 08.11.2003

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Indianer
Riten, Mythen und Rätsel einer geheimnisvollen Kultur

Achtung und Verehrung der Umwelt
Die Kraft des allgegenwärtigen Geistes

Sie kamen aus dem Nichts und verschwanden im Nichts
Die Anasazi-Indianer

Ruinen in Four Corners
Die verlassenen Städte

Ort spiritueller Zeremonien
Die Kiva

Geheimnisvolle Bodenbilder in der Pampa
Die Nazca-Linien

Theorien und Erklärungsversuche
Maria Reiche - die "Mutter" der Scharrbilder

Von Schamanen und Heiligen Männern
Kontakte zur Geisterwelt

Heilpflanzen aus Manitus Apotheke und verkanntes Wissen
Vielseitig begabt...

Krankenheilung
Langwierige und visionsreiche Zeremonien

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