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Rituelle Expedition

Der Weg in die Königsburg von Tiryns war Teil des Rituals

Die Mauer der Burg von Tiryns ist gut sieben Meter dick und besteht aus riesigen Steinblöcken. Man erkennt die Ungeheuerlichkeit des Baus erst, wenn man sich nach der Passage des torlosen Haupteingangs im Inneren des Burgareals wiederfindet. Nach einem Richtungswechsel erreicht man das Haupttor und betritt, noch geblendet vom gleißenden Tageslicht, einen engen, dunklen und bedrohlichen Torweg, dessen Wände aus kyklopischen, rohen, unbehauenen Steinen bestehen.

Der Aufstieg zum Heiligtum erfolgte durch dunkle, gewundene Gänge. Diese sind gleichzeitig eine Meisterleistung der Ingenieurskunst: Die Steinblöcke kragen stufenweise von der niedrigsten zur höchsten Stufe vor. An der Spitze sitzt ein Schlussstein, der die Last auf die Seiten ableitet. © Alun Salt / CC-by-sa 2.0 us

Es geht bergauf, der Weg verengt sich weiter und führt tiefer ins Dunkel. Starke Gerüste stützen hier die noch stehenden Teile der einst mächtigen Mauer, damit sie sich nicht weiter in Schieflage neigt. „Liminale Punkte“ nennt Maran die Punkte erzwungener Richtungswechsel, die den Weg ins Innere des Palastes zu einer rituellen Expedition machen sollen.

Der Weg gehört zum Ritual

Mit jedem Wechsel steigert sich die symbolische Aufladung des Weges. Irgendwann werden die Steine kleiner, das Mauerwerk feiner, und plötzlich ist die kultivierte Zone erreicht, in der lebhaft farbige Fresken von großer Schönheit dem Besucher genau das zeigten, was ihn selbst herführte: eine Prozession zum Allerheiligsten im Zentrum des Palastes.

Dadurch soll sich der Überlieferung nach vor den Augen weniger Eingeweihter am zentralen Herdfeuer die Gottheit manifestieren und mit dem König und der Königin vereinen. „Es ist das Innerste der Königsideologie“, sagt Maran. Bilder der Könige gibt es indessen nicht. Wichtig war allein das Ritual, dessen Abläufe in allen Einzelheiten strengstens einzuhalten waren. „Die ganze Anlage war dafür bis ins kleinste Detail maßgeschneidert“, erklärt Maran.

In Tirnyns ausgegrabene Terrakotta-Figur aus der mykenischen Zeit. Ob sie rituelle Bedeutung hatte oder nur ein Kinderspielzeug war, weiß man nicht. © Marie-Lan Nguyen / CC-by-sa 2.5

Frondienste und Ausbeutung

Der Versuch, die Harmonie von Göttern und Menschen immer wieder von Neuem zu bekräftigen, hatte allerdings einen hohen Preis. Und womöglich führte er erst herbei, was er abwenden sollte. Denn um seinen umfangreichen sakralen Pflichten nachkommen zu können, musste der Palast die umliegenden Ortschaften ausbeuten.

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Trafen Frondienste, schlechte Ernten und Bedrohungen von außen aufeinander, konnte dies die Menschen an den Rand des Erträglichen treiben. Das aber hatte Folgen: Bei den ersten Anzeichen der Instabilität verwandelten sich in der stark hierarchisierten Gesellschaft die schwelenden Auseinandersetzungen in offene Konflikte. Waren sie womöglich am Untergang von Tiryns schuld?

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Archäologie weltweit / DAI
Stand: 24.01.2014

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Tiryns – die Burg der Könige
Untergang und Wiederauferstehung einer mykenischen Ausnahme-Stadt

Eine versunkene Hochkultur
Die Zivilisation von Mykene und ihr rätselhafter Untergang

Rituelle Expedition
Der Weg in die Königsburg von Tiryns war Teil des Rituals

Erdbeben oder innere Unruhen?
Rätsel um den Untergang von Tiryns

Ein neuer Anfang
Tiryns Wiederaufbau gibt bis heute Rätsel auf

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