Plastiktüten und Geisternetze als Killer - scinexx | Das Wissensmagazin
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Plastiktüten und Geisternetze als Killer

Der Abfall und die Folgen

NOAA-Taucher befreien Robbe aus Plastikmüll © NOAA

Der Müll in den Meeren ist nicht nur ein riesiges Umweltproblem, er stellt auch für die oftmals fragilen Ökosysteme mit ihren einzigartigen Tier- und Pflanzenwelten eine enorme Bedrohung dar. Ein Beispiel nennt Rusty Brainard von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA): „Der Great Pacific Garbage Patch im Nordpazifik enthält neben vielen Plastik-Kleinteilen auch eine große Menge an Fischernetzen, die die Ökosysteme rund um die Hawaii-Inseln zerstören.“

Gefährliche Geisternetze

Denn in diesen Geisternetzen, die absichtlich oder unabsichtlich über Bord gegangen sind, verfangen sich im Laufe der Zeit immer mehr Fische. Wird das Gewicht irgendwann zu groß, sinkt die Fischfalle samt Inhalt zu Boden und der Fang wird nach und nach zersetzt. Danach steigt das Netz wieder auf und das ganze Spielchen beginnt von vorn.

Mindestens ebenso gefährlich wie herrenlose Fischernetze ist der Plastikabfall am Meeresgrund. Dort angelangt, bildet er vielerorts dicke Schichten und schränkt den Stoffaustausch zwischen dem Wasser und den Organismen im Sediment ein. Oder er erstickt gleich alles Leben unter einem luftdichten Leichentuch.

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Ersticken, verbluten und Darmverschluss

Doch auch der Plastikmüll an der Wasseroberfläche hat es in sich. Vögel oder Robben verheddern sich heillos in Kunststoffringen und Schnüren und ersticken. Delfine, Wale und andere Tiere fressen dagegen Tüten oder Folien, weil sie sie für Futter halten. So wie die Meeresschildkröte Caretta caretta, die solchen menschengemachten Meeresmüll für eine ihrer Leibspeisen hält: Quallen. Einmal herunter geschlungen, sorgt das unverdauliche Plastik bei den Tieren im besten Fall nur für Blähungen oder Magendrücken. Es kann aber auch einen tödlichen Darmverschluss bewirken oder das Hungergefühl unterdrücken. Die Tiere nehmen dann in der Folge nicht genug Nahrung zu sich und sterben an Unterernährung.

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Eissturmvogel © M.Buschmann / GFDL

Fliegende Mülltonnen

Fliegende Mülltonnen nennt deshalb der Wissenschaftler Jan van Franeker vom Forschungsinstitut ALTERRA auf der niederländischen Nordseeinsel Texel sein wichtigstes Forschungsobjekt: den Eissturmvogel Fulmarus glacialis. Und das hat seinen Grund. Vor ein paar Jahren hat er nahezu 600 tot aufgefundene Tiere dieser Art aus dem Nordseeraum seziert und ihren Mageninhalt untersucht. Die Ergebnisse waren ebenso erstaunlich wie beunruhigend: Rund 95 Prozent aller Eissturmvogel hatten Plastik im Bauch. Im Schnitt 44 Teilchen mit einem Gewicht von 0,33 Gramm.

„Den traurigen Rekord hält ein Vogel aus Belgien mit 1.600 Plastikstücken im Bauch“, sagt van Franeker im Greenpeace-Magazin. „Viele Tiere schlucken den Kunststoff, weil sie ihn mit Fischabfällen verwechseln, die im Kielwasser von Trawlern treiben.“

Verheerende Gesamtbilanz

Wirken schon diese wenigen Fallbeispiele ausgesprochen bedrückend, so gilt das erst recht bei einem Blick auf die Gesamtbilanz zu den Folgen des Plastikmülls in den Meeren. Die International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN), die Weltnaturschutzunion, hat sie aufgestellt und danach fallen vermutlich rund eine Million Seevögel und 100.000 Meeressäuger dem Zivilisationsmüll zum Opfer – jährlich.

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Dieter Lohmann
Stand: 19.03.2010

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Müllkippe Meer
Ein Ökodesaster mit Langzeitfolgen

Ein Superhighway aus Plastikmüll
Umweltkatastrophe im Nordpazifik

Dicke Suppe aus Kunststoffteilen
Great Pacific Garbage Patch gibt Geheimnisse preis

Ein Abfallkarussell im Nordatlantik
Sargassosee macht Great Pacific Garbage Patch Konkurrenz

Müll-Meer Nordsee
Auch das Mittelmeer ist betroffen

Plastiktüten und Geisternetze als Killer
Der Abfall und die Folgen

Die Spur des Gifts
Bisphenol A, POPs und noch viel mehr

Ökodesaster ohne Ende?
Der Kampf gegen Plastik

Diaschauen zum Thema

News zum Thema

Größe des pazifischen Müllstrudels übertrieben?
Ausdehnung, Dichte und Zunahmerate des „Great Pacific Ocean Garbage Patch“ geringer als vielfach angegeben

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