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Nobelpreis und Verbannung

Friedensnobelpreis, Verbannung und späte Freiheit

Die zweite Hälfte im Leben Sacharows war weitestgehend vom Kampf um die Demokratisierung Sowjetrusslands geprägt. So schrieb er Briefe an die Regierung, in denen er die Freilassung von gewaltsam in der Psychiatrie festgehaltener Dissidenten forderte und gründete zusammen mit Waleri Tschalidse und Andrei Twerdochlebow das Menschenrechtskomitee der UdSSR. Er wohnte auch Gerichtsprozessen gegen Dissidenten bei, die unter anderem wegen Besitz und Verbreitung seines Essays angeklagt waren. Bei einem dieser Prozesse lernte er seine spätere zweite Ehefrau, die Menschenrechtsaktivistin Jelena Bonner kennen, die seine Arbeit in den nächsten Jahren prägen und unterstützen sollte.

In seinem Kampf um die Menschrechte schonte Sacharow auch sich selbst nicht. 1974 trat er während eines Besuchs des US-Präsidenten Nixon in den Hungerstreik, um auf die Situation politischer Gefangener in der UdSSR aufmerksam zu machen. Für seinen Kampf um Menschenrechte bekam er 1975 schließlich den Friedensnobelpreis. Das KGB erlaubte ihm jedoch nicht, ins Ausland zu reisen, um den Preis entgegenzunehmen. Durch seine Arbeit am Atomwaffenprojekt sei er schließlich Geheimnisträger. Jelena Bonner nahm den Preis in Oslo stellvertretend entgegen.

Verbannung nach Gorki

Auch nach der Vergabe des Preises kämpfte Sacharow trotz der Repressalien des KGB gegen das autoritäre System der UdSSR. Den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan verurteilte er aufs Schärfste. Da er sich dazu auch gegenüber westlichen Journalisten äußerte, galt er inzwischen als „Staatsfeind Nr.1“. Das Politbüro entschloss sich deshalb 1980 dazu, ihn in die geschlossene Stadt Gorki (heute: Nischni Nowgorod) zu verbannen.

In diesem Plattenbau lebte Sacharow während seiner Verbannung nach Gorki. Heute befindet sich in der Wohnung das Sacharow-Museum. © Charles Levy /CC-by-sa 3.0

Da die Stadt für Ausländer gesperrt war, hatte Sacharow – ganz nach Plan des KGB – keinen Kontakt mehr zu ausländischen Journalisten. Sieben Jahre sollte er in diesem Exil verbringen. In dieser Zeit schrieb er weiter Briefe an Aktivisten und Regierungsstellen und auch seine Memoiren, die ihm drei Mal vom KGB gestohlen wurden.

Gorbatschows Anruf

Im Jahr 1986 änderte sich mit der liberalen Politik Michail Gorbatschows auch Sacharows Schicksal. Im Dezember des Jahres teilte Gorbatschow ihm telefonisch mit, dass seine Verbannung aufgehoben sei. Sacharow sagte ihm, dass er „unendlich dankbar für diese Entscheidung“ sei. Glasnost – die offene Berichterstattung und Meinungsäußerung – und Perestroika – der Umbau der sozialistischen Gesellschaft – prägten die folgenden Jahre und führten letztendlich zum Zerfall der Sowjetunion.Sacharow, der zuvor noch als Staatsfeind galt, konnte sich nun aktiv politisch beteiligen und wurde sogar als Politiker in den Kongress der Volksdeputierten gewählt. Am 14.Dezember 1989 starb er an einem Herzinfarkt.

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Was bleibt?

Sacharow war ein Physiker, der von ähnlichen moralischen Gewissensbissen wie Robert Oppenheimer, der Vater der US-Atombombe, geplagt wurde. Auch dieser hatte moralische Bedenken über den Einsatz von Atomwaffen. Und er wurde im kapitalistischen System der USA während der McCarthy-Ära aufgrund seiner „kommunistenfreundlichen“ Haltung von seinen Pflichten als Leiter des Kernwaffenprogramms entbunden.

Den Bau der Wasserstoffbombe hielt Sacharow für gerechtfertigt, da das Gleichgewicht des Schreckens nach seiner Meinung den dritten Weltkrieg verhindert hat. Unnötige Test von Atomwaffen lehnte er jedoch ab, dabei folgte er konsequent seinen moralischen Prinzipien. Nach ihm ist heute unter anderem der Sacharow-Preis der EU benannt, der für die Verteidigung von Menschenrechten verliehen wird. Vor allem hat er aber Fragen hinterlassen, die auch heute noch kontrovers diskutiert werden: Hat das Gleichgewicht des Schreckens wirklich einen dritten Weltkrieg verhindert? Kann die Energieversorgung der Zukunft durch die Kernfusion erfolgen? Wie kann man den Bedrohungen der Menschheit entgegenwirken?
Vor allem aber zeigte er, dass man als Humanist die Wissenschaft in den Dienst der Menschheit stellen kann, unabhängig vom Staatssystem, in dem man lebt.

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Andrei Sacharow
Der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe

Ein schwieriger Start
Die Anfänge im neuen Sowjetstaat

Kernforschung in Arsamas-16
Kernwaffenentwicklung unter strengster Geheimhaltung

Jenseits der Bombe
Forschung für Fusionsreaktoren und die Kosmologie

Der Weg zum Dissidenten
Sacharows Gewissen meldet sich

Nobelpreis und Verbannung
Friedensnobelpreis, Verbannung und späte Freiheit

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