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Nicht ohne meinen Kaffee

Was Wohlgefühl mit Sucht zu tun hat

Nicht erschrecken: Höchstwahrscheinlich sind Sie im weitesten Sinne süchtig. Mag sein, dass Sie nicht rauchen, nicht übermäßig viel Alkohol trinken und Drogen allenfalls aus vereinzelten Nächten der späten Teenagerzeit kennen.

Der Morgenkaffee löst Wohlgefühl aus © Martin Walls/ freeimages

Sucht geht auch ohne Drogen

Aber vielleicht gibt es einen Hinweis darauf, wenn Sie morgens Ihre Tasse Kaffee trinken und sich bei den ersten Schlucken das wohlige Gefühl einstellt, dass der Tag jetzt richtig losgehen kann. Oder wenn Sie beim Einkaufen am Samstagnachmittag ein Glücksempfinden über ein neues Kleidungsstück oder einen Verstärker für die Stereoanlage empfinden.

„Wenn man solche Erlebnisse regelmäßig bewusst sucht und als Quelle für Glück empfindet, läuft im Gehirn teilweise der gleiche Prozess ab wie beispielsweise beim Rauchen“, sagt Chantal Patricia Mörsen von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin. Sucht, das ist die große Erkenntnis der vergangenen Jahre, braucht keine Substanzen, die der Mensch schlucken, einatmen oder sonst irgendwie aufnehmen muss. Es reicht schon, etwas immer wieder zu tun, das Freude bereitet und für kurze Zeit glücklich macht. Den Rest erledigt das Gehirn dann selbst.

Substanzen im Rauch aktivieren Rezeptoren im Gehirn - das geht aber auch ohne Drogen. © Artem Furman/ thinkstock

„In die richtige Richtung lenken“

Die Funktionsweise ist sehr ähnlich. „Beim Rauchen gelangen Substanzen aus dem Zigarettenrauch über die Lunge und die Blutbahn ins Gehirn und lagern sich dort an Zellrezeptoren an, die bei ihrer Aktivierung an der Entstehung eines trügerischen Glücksgefühls mitwirken“, sagt Martina Pötschke-Langer. Die Suchtexpertin leitet das Deutsche Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle der Weltgesundheitsorganisation WHO und arbeitet in der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum in der Helmholtz-Gemeinschaft.

Die gleiche Wirkung kann auch ohne diese Substanzen erzielt werden: „Es ist ja nicht so, dass unser Körper die Rezeptoren extra dafür hat, dass wir Drogen nehmen können, die dort andocken“, sagt Mörsen. Die Funktion der Rezeptoren sei es, das Verhalten in eine richtige Richtung zu lenken. „Wenn wir gutes Essen zu uns nehmen oder guten Sex haben, dann tut das unserem Körper gut, es sorgt für Vitalität und im Idealfall sogar für Nachkommen“, so die Forscherin.

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Christian Heinrich / Helmholtz Perspektiven
Stand: 08.01.2016

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Der Immer-wieder-Effekt
"Alltags-Süchte" unter der Lupe – wo liegt die Grenze?

Nicht ohne meinen Kaffee
Was Wohlgefühl mit Sucht zu tun hat

Lust auf mehr
Vom Schlechten des Guten

Sind wir alle süchtig?
Ein inflationärer Begriff und seine Grenzen

In der Suchtspirale
Ab wann wird es bedenklich?

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