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Meister des Wassermanagements

Brunnengalerien an der Seidenstraße

Wenn Renato Sala über die Entwicklung der Kulturen an der Seidenstraße spricht, lässt er sein Gegenüber nicht im Zweifel, dass er gerne mit Klischees bricht. Eine Frage, die ihn schnell in Rage bringt, ist, wie die glanzvollen Zivilisationen in Zentralasien sich in einer so trockenen und menschenfeindlichen Landschaft entwickeln konnten. „Diese Frage wird nie ernsthaft gestellt,“ erregt sich Sala, „und wenn doch, wird sie sofort von einer magischen Formel verdrängt: Die Seidenstraße.“

Populär sei das Szenario, dass die Entwicklung der Völker dieser Region rund zwei Jahrtausende lang auf dem Handel zwischen China, Indien, dem Iran und Europa beruhte. „Doch die Realität ist natürlich anders“, so Sala. „Tatsächlich sind die entscheidenden Faktoren der kulturellen Entwicklung in solch trockenen Zonen die erfinderischen Wege der Einheimischen, Wasser zu nutzen.“

Brunnengalerie © Renato Sala

Weiße Flecken der Archäologie

Diese Theorie präsentiert Sala nicht von ungefähr. Der Italiener arbeitet am Staatlichen Geoarchäologischen Institut in Almaty in Kasachstan. Er und seine Kollegen untersuchen seit mehreren Jahren die Siedlungsgeschichte Zentralasiens. Aufgrund der Größe des Landes und der dünnen Besiedelung gibt es insbesondere in Kasachstan noch zahlreiche „weiße Flecken“, die den Archäologen Sala immer wieder aus seinem Büro zu Expeditionen hinaus in die Steppen und Wüsten des Landes treiben.

Das Wassermanagement der früheren Kulturen Zentralasiens fasziniert Sala. Besonders die so genannten „Karez“ – kilometerlange Brunnengalerien, die Salas Meinung nach „eines der ausgeklügeltsten Wasserversorgungssysteme überhaupt sind, aber dennoch sowohl ethnographisch, archäologisch als auch hydrologisch bisher kaum untersucht wurden“.

Gab es Karez in Kasachsthan?

Karez bestehen aus kleinen artesischen Brunnen, die Grundwasser sammeln, und zu Hunderten in mehrere Kilometer langen Linien aufgereiht sind. In unterirdischen Kanälen läuft das Wasser hangabwärts und kann mehrere Siedlungen mit Wasser versorgen. Ideale Voraussetzung für die Karez sind leicht geneigte Ebenen in Halbwüsten-Gegenden, wie es sie meist nördlich der zahlreichen langgestreckten Gebirgszüge in Zentralasien gibt.

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Aus Turkmenistan, Usbekistan, Nordwest-China oder dem Iran ist bekannt, dass sich die Bewohner dortiger Ansiedlungen solcher Karez’ bedienten, um das wenige Wasser, dass von den angrenzenden Bergketten in die Wüsten herablief aufzufangen und zu nutzen. Zum Teil sind die Kanäle sogar noch heute in Betrieb.

In Kasachstan jedoch hatte man bisher nur wenige solcher Karez entdeckt. Obwohl aus schriftlichen Überlieferungen oder regionalen Legenden hervorging, dass es die unterirdischen Kanäle geben müsse. Und obwohl es in Südkasachstan eine ganze Reihe von Resten mittelalterlicher Siedlungen gibt, die kaum durch die wenigen und teilweise nur saisonal existierenden Flüsse versorgt worden sein konnten.

Karez zwischen zwei zwei trockenen Flussläufen, Oase Turkestan © Renato Sala

Das Geheimnis der dunklen Punkte

Im Jahr 2002 entdeckten Sala und seine Kollegen dann bei Überflügen der Oasen Turkestan und Otrar, die etwa vom Jahr 200 bis 1700 besiedelt waren, eine ganzes Netz der Brunnengalerien. So wurden nordöstlich der früheren Ortschaft Sauran in der Oase Turkestan auf einem Gebiet von zehn mal zehn Kilometern mehr als 260 Karez-Linien ausgemacht. Zusammen haben sie eine Länge von 110 Kilometern und bestehen aus über 10.000 einzelnen Brunnen. Die Kapazität einer einziges Karez-Line von wenigen Kilometern Länge kann von zehn bis zu 150 Litern Wasser reichen, die pro Sekunde aus dem Grundwasser an die Oberfläche gelangen.

Erkannt wurden die Brunnengalerien in Kasachstan bei Flügen mit einem Ultraleichtflugzeug, das in einer Höhe von 500 bis 1.000 Metern flog. Aus dieser Entfernung bestehen die Linien aus kleinen dunklen Punkten – das Aushubmaterial der Brunnen. Diese Ringe sind etwa einen halben Meter hoch. Der innere Durchmesser, der heute meist verschütteten Brunnen, ist beträgt etwa vier Meter, der äußere rund zehn Meter.

Wie bei allen Ergebnissen, die die Luftbildarchäologie hervorbringt, folgt allerdings auf die Erkundung aus der Luft erst die eigentliche Arbeit der Archäologen: die Aufnahme und Auswertung der Funde zu ebener Erde. Renato Sala jedenfalls ist überzeugt, dass auch heutige Hydrologen von den Erbauern der mittelalterlichen Karez-Systeme noch eine Menge lernen können.

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Stand: 29.02.2008

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Luftbildarchäologie
Wenn Archäologen zur Cessna statt zum Spaten greifen

Pioniere mit Ballon und Doppeldecker
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Welche Faktoren erhöhen die Erfolgschancen der Luftbildarchäologie?

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