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Marke „Eigenbau“

Bodyhacking zwischen Do-it-Yourself und High-Tech

Was der KI-Forscher Kevin Warwick als Experiment begann, haben viele Bodyhacker inzwischen zu einem Teil ihres Lebens – und Körpergefühls – gemacht. In einer Zeit, in der tragbare Technologie in Form von Fitness-Armbändern, Smartwatches und anderen Geräten alltäglich geworden ist, gehen sie einen Schritt weiter: Sie integrieren diese Technologien in ihren Körper.

Fast verheilt: Nach einer RFID-Implantation. © James Wisniewski / CC-by-sa 4.0

Marke Eigenbau

Bodyhacker sind – fast gezwungenermaßen – eine Do-it-Yourself-Bewegung, die sich in einer rechtlichen Grauzone bewegt. Denn bisher weigern sich die meisten Ärzte, medizinisch nicht notwendige Implantate einzusetzen und offiziell zugelassene Produkte gibt es kaum. „Viele Leute, die daran interessiert waren, ihren Körper zu ergänzen, begannen daher, nach anderen Ressourcen zu suchen oder zu improvisieren“, sagt Amal Graafstra, einer der Vorreiter der Bodyhack-Szene.

Viele Implantate sind deshalb Marke Eigenbau. Häufig werden dafür Smartphone-Komponenten oder Bauteile aus Elektronik-Bausätzen zweckentfremdet. Der durch eine Maserninfektion ertaubte Enno Park beispielsweise trägt zwar als ersten technischen Einbau ein Cochlea-Implantat und damit ein medizinisch zugelassenes Gerät. Doch den Vibrationsalarm, den er sich als Wecker in den Oberarm einpflanzen will, muss sich das Gründungsmitglied von Cyborgs e.V. selbst basteln. Park plant, dafür das Vibrationsmodul eins Handys umzubauen.

Amal Graafstra implantiert live einen RFID-Chip auf der CEBIT.© cebitchannel

Internet und Foren als Bezugsquelle

Gerade solche Do-it-Yourself-Bodyhacks sind allerdings hochriskant: Häufig sind die Eigenbau-Geräte nicht körperverträglich und lösen schwere Entzündungen und Infektionen aus. Um solche gesundheitlichen Folgen zu verhindern, hat Graafstra vor einigen Jahren die Biohacker-Firma „Dangerous Things“ gegründet. „Mein Hauptziel war es dabei, sichere Materialien und sichere Anleitungen für Bodyhacks zur Verfügung zu stellen“, erklärt Graafstra.

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Allein Graafstras Firma hat seit 2013 mehr als 10.000 implantierbare RFID-Chips und Biomagneten über das Internet verkauft. Die Software der Chips ist Open-Source und erlaubt es den Nutzern, sie an ihre individuellen Bedürfnisse anzupassen. Auch andere Bodyhacker-Firmen wie Grindhouse Wetware oder Cyborgnest machen es inzwischen leichter, sich die entsprechende Hardware zu besorgen.

Noch allerdings sind diese Angebote und Verkäufe allenfalls halblegal, denn eine offizielle Zulassung haben viele dieser Implantate nicht. Auch Dangerous Things warnt bei einigen seiner Implantate: „Dieses Gerät ist definitiv ein gefährliches Ding. Das Gerät ist von keiner Kontrollbehörde getestet oder für die Implantation in den menschlichen Körper zugelassen. Wer es nutzt, tut dies auf eigenes Risiko“

Oft werden Bodyhacks in Tattoo- und Piercingstudios durchgeführt - weil Ärzte sich meist weigern. © gregvr8156 / iStock

Zwischen Piercing und „Implant“-Party

Wer zum Bodyhacker werden will, muss auch beim Implantieren hart im Nehmen sein. Während Kevin Warwick den Luxus eines ärztlichen Eingriffs unter Betäubung genoss, müssen die meisten Bodyhacker ohne Narkosen oder Arzt auskommen. Die Pioniere der Szene griffen meist noch selbst zum Skalpell oder nutzten ein Chipgerät aus der Veterinärmedizin, um sich die pillenförmigen RFID-Chips unter die Haut zu pflanzen.

Inzwischen lassen sich die meisten Bodyhacker in Tattoo- oder Piercing-Studios implantieren, aber auch bei Cyborg- und Bodyhacker-Conventions stehen Implantationswillige Schlange. Sogar „Implant-Parties“ gibt es inzwischen. Einer der festen Treffpunkte für die Szene ist dabei die alljährliche Bodyhacking-Convention im texanischen Austin. Hier stellen Bodyhacker ihre neuesten Kreationen vor, holen sich Tipps und Anregungen, lassen sich implantieren und diskutieren über neue Gadgets und Technologien.

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Nadja Podbregar
Stand: 16.03.2018

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Bodyhacker
Mit implantierter Technik zum Cyborg

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