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Leukämien, Ängste und Depressionen

Noch mehr Erkrankungen durch hohe Strahlenbelastung?

Durch Studien an den Überlebenden der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki ist bekannt, dass die Leukämie unter den strahlenbedingten Späteffekten einer Gamma-Bestrahlung derjenige mit dem höchsten relativen Risiko ist. Vor allem bei Menschen, die in jungem Lebensalter exponiert werden, tritt die Erkrankung bereits in den ersten Jahren nach der Exposition auf.

„Tschernobyl-bedingter Gesundheitseffekt“? © Andreas Strauß

Auch nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl wurden mehrere Studien durchgeführt, die den Zusammenhang von freigesetzter Strahlung mit dem Auftreten von Leukämien untersuchten In der European Childhood Leukaemia-Lymphoma Incidence Study (ECLIS) wurden die Inzidenzdaten für Kinder unter 15 Jahren aus den Krebsregistern von 23 Ländern ausgewertet. Die mittleren Strahlenexpositionen wurden aus Kontaminationen der Umgebung und der Lebensmittel abgeschätzt. Die Zahl der Leukämiefälle war nach dem Tschernobyl-Unfall signifikant höher als zuvor.

Allerdings gab es keine Korrelation zwischen der Strahlenexposition und der Erhöhung der Inzidenz, das heißt die Daten ergaben keinen Hinweis darauf, dass die Zunahme der Leukämiefälle ursächlich auf die Strahlenexposition zurückzuführen ist. In einer Studie in Weißrussland konnte kein Anstieg der Leukämieraten nach dem Tschernobyl-Unfall festgestellt werden. Zudem lagen die Inzidenzraten in den höher kontaminierten Gebieten (Gomel und Mogilev) nicht über denen in den niedriger kontaminierten Regionen.

Außer für Schilddrüsenkrebs gibt es aus wissenschaftlicher Sicht bisher keinen Beweis für eine Erhöhung der Krebsraten bei der Bevölkerung der Ukraine, Weißrusslands und Russlands. Manche Krebserkrankungen besitzen allerdings lange Latenzzeiten, und daher ist nicht auszuschließen, dass erhöhte Krebsraten erst zu einem späteren Zeitpunkt erkennbar werden. Um diese nachzuweisen sind jedoch sehr aufwändige epidemiologische Studien notwendig.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Hohe Strahlenexpositionen können Erkrankungen des Herzens und der Blutgefäße verursachen. Strahleninduzierte Veränderungen der Blutgefäße ähneln denjenigen der Atherosklerose. Bei den Atombombenüberlebenden von Hiroshima und Nagasaki wurde ein dosisabhängiger Anstieg der Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachgewiesen.

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Eine Studie an russischen Arbeitern, die zu Aufräumarbeiten am Unglücksreaktor eingesetzt waren, ergab ebenfalls eine signifikante dosisabhängige Erhöhung der Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Allerdings war in der gleichen Gruppe die Häufigkeit des Auftretens dieser Erkrankungen (Inzidenz) nicht signifikant erhöht. Aufgrund der Widersprüchlichkeit der Ergebnisse dieser und anderer Studien lassen sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine definitiven Aussagen darüber machen, ob und wie diese Erkrankungen mit dem Reaktorunfall zusammenhängen.

Mentale und psychologische Effekte

In einer Reihe von Studien wurde festgestellt, dass bei den durch den Reaktorunfall exponierten Bevölkerungsgruppen verstärkt Depressionen, Angstzustände und medizinisch nicht erklärbare physische Beschwerden auftraten. Teilweise resultierten die Symptome, die meist nur schwach ausgeprägt waren, aus der Überzeugung, dass die eigene Gesundheit durch den Unfall in Mitleidenschaft gezogen worden sei. Ärztliche Diagnosen wie „Tschernobyl-bedingter Gesundheitseffekt“ spielten hierbei sicherlich eine nicht unwesentliche Rolle.

Bei japanischen Atombombenüberlebenden, die vor ihrer Geburt exponiert worden waren, traten vermehrt geistige Behinderungen auf. Obwohl die Strahlenexpositionen der Bevölkerung durch den Tschernobyl-Unfall geringer waren als die Dosen in Japan, gab es dennoch Befürchtungen, dass ähnliche Beeinträchtigungen auch nach dem Reaktorunfall aufgetreten seien.

Studien, die daraufhin durchgeführt wurden, fanden jedoch keine neurophysiologischen Effekte bei Kindern, die 1986 nach dem Reaktorunfall in den kontaminierten Gebieten geboren worden waren. Trotzdem glaubten 31 Prozent der evakuierten Frauen, aber nur sieben Prozent der Frauen einer Kontrollgruppe, dass ihre Kinder Gedächtnisprobleme hätten, obwohl entsprechende Tests keine markanten Unterschiede ergaben.

Information und Beratung

Insgesamt betrachtet sind die psychologischen Effekte – neben den Schilddrüsenkrebserkrankungen – das größte durch den Reaktorunfall verursachte Problem für die öffentliche Gesundheit. Es gibt mittlerweile zahlreiche Initiativen, um diesen psychologischen Effekten entgegenzuwirken. So wurde in Gomel ein Informationszentrum eingerichtet, das sich insbesondere an Lehrer und Ärzte wendet.

Weiterhin wurden durch eine Initiative der UNESCO in den höher kontaminierten Gebieten der Ukraine, Weißrusslands und Russlands neun Zentren für soziale und psychologische Rehabilitation gegründet. Dort werden individuelle und familiäre Beratungen, Unterstützung zur Bewältigung des täglichen Lebens, Spiel- und Kunsttherapien und Informationskurse angeboten. Bereits mehrere tausend Personen haben diese Leistungen seit der Gründung der Zentren in den Jahren 1993/1994 in Anspruch genommen.

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Stand: 21.04.2006

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Der Unfall von Tschernobyl
Eine Bilanz 20 Jahre danach

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