Krieg im „Dienste Gottes“ - scinexx | Das Wissensmagazin
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Die Eskalation der Konflikte

Krieg im „Dienste Gottes“

Im Jahr 412 ändert sich die Situation in Alexandria noch einmal dramatisch. Der alte Patriarch Theophilus stirbt und sein Neffe Kyrill tritt seine Nachfolge an – mit fatalen Folgen für die „heidnischen“ Gelehrten der Stadt. Denn der neue Erzbischof ist nicht nur Anhänger einer sehr fundamentalistischen Auslegung des Christentums, er vertritt sie auch vehement. Für die Freiheit der Wissenschaft oder die Ideen der Philosophen ist in seiner Welt kein Platz mehr.

Kyrill von Alexandria, dargestellt als Kirchenlehrer und Heiliger. Er wurde direkt nach seinem Tod von der Kirche heilg gesprochen - unter anderem für seine Verdienste im Kampf gegen die Häresie. © historisch

Christentum als Aufstiegschance

Die Stimmung in der Stadt eskaliert daraufhin erneut. Doch jetzt kämpfen nicht mehr nur „Heiden“ und Christen gegeneinander, auch die christlichen Sekten untereinander bekriegen sich bis aufs Blut. Vor allem aus den unteren Schichten und von den Sklaven erhalten diese Sekten regen Zulauf, denn sie bieten eine Form der Gemeinschaft und der Unterstützung, die es im rigiden Klassenwesen Alexandrias sonst nicht gibt.

„Eine soziale Mobilität, wie wir sie heute genießen, gab es nicht“, erklärt Elisa Garrido, eine Expertin für die Geschichte der Frau in der klassischen Antike, die auch beim Film „Agora“ als Beraterin fungierte. „Die Klassen waren viel stärker ausdefiniert. Ein Intellektueller war automatisch ein Aristokrat oder kam aus einer reichen Familie, und umgekehrt, denn sie waren die einzigen, die lesen und schreiben konnten. Genau in dieser Zeit entstand der Klerus, eine Gruppe, die Arme und Ungebildete aufnahm und ihnen so den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichte.“

Das Leben in Alexandria wurde immer gefährlicher © Tobis Film, Szenenbild aus "Agora - Die Säulen des Himmels"

Privatmiliz „im Dienste Gottes“

Besonders rabiat sind jedoch die Parabolani, die Privatmiliz des Patriarchen Kyrill. Obwohl sie keine Gelübde ablegen müssen, gelten sie als zum Klerus gehörend und genießen weitgehende Immunität. „Die Parabolani existierten ausschließlich in Ägypten. Sie setzten Alexandrias Kirchendoktrin mit Gewalt durch“, erklärt Garrido. „Sie kamen aus einfachsten Verhältnissen, waren selten gebildet, eher Mystiker, die es vorzogen, ihr öffentliches Leben aufzugeben, um auf Christus zu warten. Sie lebten nicht an einem Ort, sondern waren über die Straßen und Ruinen verstreut. Die Leute ließen sie in Hauseingängen schlafen.“

Ihre Attacken im Auftrag Kyrills richten sich unter anderem gegen die so genannten Novatianer, eine christliche Sekte, die der Kirche nicht das Recht zusprechen, schwere Sünden zu vergeben. Das könne nur Gott, so ihr Credo. Obwohl sie seit dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 geduldet werden, solange sie die Dekrete des Konzils befolgen, lässt Kyrill ihre Kirchen schließen. Auch die Juden Alexandrias werden gewaltsam enteignet und aus der Stadt vertrieben.

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Nadja Podbregar
Stand: 11.03.2010

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Hypatia: Tod für die Wissenschaft
Die berühmteste Gelehrte des antiken Alexandria wird wiederentdeckt

Hypatia und ihre Welt
Das Wichtigste in Kürze

„Nabel der Gelehrsamkeit“
Das antike Alexandria und die junge Hypatia

Von Kegeln und Gleichungen zum Sonnensystem
Hypatia als Mathematikerin und Astronomin

Eine Frau im Philosophentalar
Hypatia lehrt am Museion

Flammen über der Bibliothek
Alexandria unter christlicher Herrschaft

Krieg im „Dienste Gottes“
Die Eskalation der Konflikte

Zwischen den Fronten
Ende der Schonzeit für Hypatia und das Museion

Der Mord
Hypatias Tod und das Ende einer Ära

Vom vergessenen Opfer zum verklärten Symbol
Das Bild von Hypatia nach ihrem Tod

Hypatia als Filmheldin
Der Kinofilm „Agora – Die Säulen des Himmels“

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