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Krähen und die Kunst des Werkzeugbaus

Warum Rabenvögel den Menschenaffen Konkurrenz machen

Diese Neukaledonische Krähe nutzt einen Ast als Werkzeug. © Mick Sibley

Die Herstellung und flexible Nutzung von Werkzeugen gilt als ein klassisches Indiz für intelligentes Verhalten. Nur dank dieser Entwicklung haben wir uns vor über zwei Millionen Jahren trotz fehlender Klauen und Reißzähne zum gefürchtetsten Jäger des Planeten erhoben.

Dass viele Tiere Material aus ihrer Umgebung als Werkzeug benutzen ist bekannt: Otter verwenden Steine als Muschelöffner ein und auch Schmutzgeier nutzen sie zum Knacken von Straußeneiern. Doch diese Handlungen basieren meist auf angeborenem, instinktivem Verhalten. Anders ist es bei Schimpansen und Bonobos. Die Menschenaffen setzen verschiedene Materialien flexibel ein und stellen auch eigenen Werkzeuge her. Lange Zeit waren Menschenaffen jedoch die einzigen Tiere, denen man die Herstellung von eigenen Werkzeugen zugebilligt hatte.

Bettys Fleischhaken

Vögel fielen uns allenfalls durch ihre zum Teil herausragende „Schnabelfertigkeit“ beim Nestbau auf. Aber Vertreter der Rabenvögel nutzen ihre Geschicklichkeit gepaart mit einer unbestreitbaren Cleverness tatsächlich auch zum gezielten Einsatz einfacher Werkzeuge. In Experimenten beschränkten sie sich dabei nicht bloß auf das Verwenden eines Stöckchens, mit dem sie ohne zu Zögern Fleischstücke aus unzugänglichen Kästen bugsieren.

Sie stellen sogar spontan eigenes Werkzeug für ihre Bedürfnisse her, wie das Video von Krähe Betty beweist. Die hatte 2002 selbst Alex Kacelnik und seine Kollegen von der University of Oxford überrascht. Die Forscher hatten Betty und ihrem Bruder Abel im Rahmen eines Experiments einen Fleisch-Snack kredenzt. Die Leckerbissen waren in kleinen Eimern mit Henkel platziert, die jedoch in tiefen Plexiglaszylinder standen, sodass die Krähen nicht mit den Schnäbeln herankamen.

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Schlauer als gedacht

Die Wissenschaftler wollten eigentlich herausfinden, wie gut Krähen den Nutzen von Werkzeugen für eine bestimmte Aufgabe einschätzen können. Dazu hatten sie den Geschwistern verschieden stark gebogene Drähte bereitgelegt, von denen aber nur einer einen richtigen Haken am Ende formte.

Abel erfüllte sofort die Erwartungen des Teams und schnappte sich den richtigen Draht, um damit nach dem Futter zu angeln. Seiner Schwester blieben nur die unbrauchbaren Drähte. Doch die Forscher hatten die Intelligenz der Neukaledonischen Krähe unterschätzt: Obwohl sie noch nie zuvor mit Metalldraht in Kontakt gekommen war und ihre Artgenossen in der Natur nicht mit dem Material Metall vertraut sind, bog sie sich einen der übrigen Drähte kurzerhand selbst mit dem Schnabel zurecht.

Die Schimpansen der Lüfte

Auf dem Gebiet der Werkzeugherstellung seien die Krähen damit sogar den Schimpansen überlegen, kommentieren die Forscher die Leistung von Betty. Kombinationsgabe und Weitsichtigkeit demonstrieren Krähen auch wiederholt in Experimenten mit mehrstufigen Rätseln. Das „Puzzle“, was Alex Taylor von der Auckland University für seine Krähe entworfen hat, gehört sicherlich zu den kniffligsten Herausforderungen, denen eine Krähe je ausgesetzt war.

Um an das verlockende Fleischstück in einem Plexiglaskasten zu kommen, muss der 007 genannte Testvogel eine Sequenz von acht Schritten in der richtigen Reihenfolge abarbeiten, wie ein Video der BBC zeigt. Dass Krähen einen Stock zum herausbugsieren von Futter aus einer vergitterten Box nutzen ist eine Sache. Aber dass 007 einen kurzen Stock benutzt, um an kleine Steine zu gelangen, die er wiederum zur Beschaffung eines langen Stockes benötigt – das ist eine wahre gedankliche Meisterleistung.

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Die Krähe muss für diese Leistung nicht nur zu der Schlussfolgerung in der Lage sein, dass ein Werkzeug auch zur Beschaffung von anderem Werkzeug taugt. Sie muss auch einen komplexen Plan abarbeiten, ohne unterwegs ihr eigentliches Ziel aus den Augen zu verlieren – nämlich das Fleisch in der Plexiglasbox. Weil eine derartige Intelligenz mit der von Menschenaffen in einer Liga spielt, gelten Krähen seither auch als die „Schimpansen der Lüfte“.

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Christian Lüttmann
Stand: 02.06.2017

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Genies der Lüfte
Die verblüffende Intelligenz von Krähen und anderen Rabenvögeln

Der Ruf von Rabenvögeln
Warum wir die Tiere fürchterlich und faszinierend zugleich finden

Intelligenz ist Definitionssache
Bei der Bewertung von Cleverness sind Wissenschaftler noch immer uneins

Etwas fehlt im Vogelhirn
Was steckt drin im Kopf der Rabenvögel?

Raben unter sich
Soziale Gefüge als Wegbereiter zu intelligentem Verhalten

Ich sehe was, was du nicht siehst
Was wissen Krähen über ihr Gegenüber?

Krähen und die Kunst des Werkzeugbaus
Warum Rabenvögel den Menschenaffen Konkurrenz machen

Ein Blick in die Zukunft
Was weiß die Krähe von morgen?

Die hohe Schule der Intelligenz
Was verstehen Krähen von Abstraktion und Auftrieb?

Ein bisschen Spaß muss sein
Die amüsante Nebenwirkung von Intelligenz

Krähe und Mensch
Ein schwieriges Verhältnis

Diaschauen zum Thema

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Raben: Teamarbeit, aber nicht mit jedem
Kooperative Vögel arbeiten nicht mit betrügerischen Artgenossen zusammen

Krähen zählen ähnlich wie wir
Neuronen im Krähengehirn reagieren auf ihre jeweiligen "Lieblingszahlen"

Auch Vögel richten sich nach dem Tempolimit
Amsel, Spatz und Co passen ihre Fluchtdistanz dem Verkehr an

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