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„Kognitiv, nicht emotional“

Psychopathen und die Empathie

Wenn wir sehen, dass ein anderer Mensch Schmerzen leidet oder geängstigt wird, leiden wir unwillkürlich mit. Umgekehrt wirken auch Lachen und Freude unwillkürlich ansteckend. Bestimmte Neuronen und Schaltkreise in unserem Gehirn sorgen dafür, dass wir uns in die Gefühle unseres Gegenübers hineinversetzen – wir reagieren empathisch.

Empathie
Psyschopathen mangelt es an instinktiver Empathie. © Peopleimages/ iStock

Logisch hergeleitet statt mitgefühlt

Doch das ist bei Psychopathen anders: Ein Mangel an Empathie gilt als eines der Schlüsselmerkmal einer ausgeprägt psychopathischen Persönlichkeit. Sehen Menschen mit Psychopathie Videos oder Bilder anderer, die Schmerzen leiden oder Angst zeigen, fehlt ihnen die instinktiv empathische Reaktion. „Wir haben eine kognitive Empathie, aber keine emotionale“, beschreibt es die sich selbst als Psychopathin charakterisierende Athena Walker. „Wir können verstandesmäßig erkennen, warum etwas eine andere Person trifft. Aber das liegt daran, dass wir es uns logisch herleiten können, nicht weil wir etwas dabei fühlen.“

Dies bestätigen auch Tests in Hirnscannern. Dafür zeigten Christian Keysers von der Universität Groningen und sein Team 21 psychopathischen Schwerverbrechern Filmausschnitte, in denen Menschen Schmerzen erlitten oder verletzt wurden. Mittels funktioneller Magnetresonanz-Tomografie (fMRT) zeichneten sie dabei die Hirnaktivität auf und verglichen diese mit den Hirnscans normaler, nicht psychopathischer Probanden.

Das Ergebnis: „Die Aktivierung in den somatosensorischen und emotionalen Hirnarealen war bei den Psychopathen viel schwächer als bei den normalen Probanden“, berichtet Keysers. „Ihre Empathie war verringert und das könnte erklären, warum sie solche schrecklichen Verbrechen begehen konnten, ohne Schuld zu empfinden.“ Die Theorie vom empathielosen Psychopathen scheint damit bestätigt.

Ein „Schalter“ für Empathie

Doch das ist nur das halbe Bild, wie eine Wiederholung des Versuchs von Keysers und seinem Team ergab. Denn als sie ihre Probanden vor dem Anschauen des Films baten, sich so weit wie möglich in die Opfer hineinzufühlen, veränderte dies die Hirnreaktion. „Schon diese einfache Instruktion reichte aus, um die empathische Aktivierung in ihrem Gehirn anzufachen – sie war dann kaum mehr von der Reaktion der Kontrollteilnehmer zu unterscheiden“, berichtet Keysers.

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Was aber bedeutet dies? Nach Ansicht der Forscher spricht dies dafür, dass Psychopathen durchaus Empathie empfinden können – wenn sie dies wollen. „Für die meisten von uns ist Empathie der Normalzustand“, so Keysers. „Bei Psychopathen dagegen steht der Schalter normalerweise auf Aus. Die Empathie scheint für sie eine freiwillige Aktivität zu sein: Wenn sie wollen, können sie mitfühlen.“

Maske
„Wir tragen eine Maske“. © Emiel Hennig/ freeimages

„Wir tragen eine Maske“

Das könnte erklären, warum Psychopathen oft besonders gut darin sind, andere Menschen und ihre Emotionen zu manipulieren: Sie können durchaus einschätzen, in welcher Stimmung oder Verfassung ihr Gegenüber ist und dies nutzen, um sie scheinbar einfühlsam zu umgarnen und für sich und ihre Zwecke zu gewinnen. Andererseits aber hält sie keine automatische Empathie davon ab, sich unsozial, grausam oder aggressiv zu verhalten.

Hinzu kommt, dass viele Psychopathen gelernt haben, ihren Mangel an Mitgefühl im Alltag zu verbergen. „Wir erfahren schon in jungen Jahren, dass Menschen es nicht mögen, wenn wir so reagieren, wie wir es natürlicherweise tun“, berichtet die anonyme Psychopathin im „The Cut“-Interview. „Deshalb lernt man früh, die Reaktionen zu zeigen, die nötig sind, damit sich die anderen Menschen nicht unwohl fühlen. Wir Psychopathen tragen eine Maske.“

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Psychopathie – das kalte Herz
Was steckt hinter der psychopathischen Persönlichkeitsstörung?

Nicht nur Serienkiller
Was ist ein Psychopath?

Das kalte Herz
Haben Psychopathen Gefühle?

"Kognitiv, nicht emotional"
Psychopathen und die Empathie

Fehlende Verknüpfung
Blick ins Gehirn des Psychopathen

Der Psychopath im Maßanzug
Warum psychopathische Wesenszüge der Karriere helfen können

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