"Klebrige Nervenbahnen" - scinexx | Das Wissensmagazin
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Der Fall Moniz und die Lobotomie

„Klebrige Nervenbahnen“

Unter den Medizin-Nobelpreisen gab es auch einige, die für zumindest ethisch äußerst fragwürdige Therapien verliehen wurden. Denn auch wenn sie in Einzelfall vielleicht Linderung verschafften, brachten sie vielen Patienten unnötiges Leid. Aus heutiger Sicht sind sie daher wohl nur bedingt nobelpreiswürdig.

Fast wie ein Heiliger: Denkmal für Egaz Moniz in Lissabon © Manuelvbotelho / CC-by-sa 3.0

Heilung durch Zerstörung

Der bekannteste Fall ist die Auszeichnung von Antonio Egas Moniz im Jahr 1949. Der portugiesische Mediziner und Neurologe meinte damals festgestellt zu haben, dass eine Lobotomie bestimmte Psychosen lindern kann. Bei diesem Eingriff werden die Nervenverbindungen zwischen dem Frontallappen des Gehirns und dem Thalamus durchtrennt. Weite Teile der weißen Hirnsubstanz und Teile des präfrontalen Cortex werden dabei zerstört.

Moniz glaubte, dass die fixen Ideen und Wahrvorstellungen bei Schizophrenie und anderen psychischen Erkrankungen von anormal „klebrigen“ Nervenverbindungen herrührten. Ihre Durchtrennung hielt er daher für die beste Methode, um den Patienten Erleichterung zu verschaffen. Tatsächlich schien es der ersten Patientin von Moniz auch besser zu gehen: Sie war weniger aufgebracht und paranoid als zuvor, allerdings auch apathischer und gedämpfter.

„Jeder Patient verliert etwas“

Selbst der US-Mediziner Walter Freeman, einer der größte Verfechter der Lobotomie in den 1940er und 1950er Jahren, räumte später ein, dass dieser Eingriff den Patienten einen Teil ihrer Persönlichkeit nimmt. „Jeder Patient verliert etwas durch diese Operation, etwas Spontanität, etwas von dem Strahlen, dem Geschmack der Persönlichkeit“, schrieb er. Doch Freeman, ebenso wie vor ihm schon Moniz, hielten diesen Verlust für hinnehmbar, wurde dies doch ihrer Ansicht mehr als aufgewogen durch die verringerten Belastungen ihrer Patienten durch die Psychosen.

Walter Freeman und sein Kollege James Watts beraten über eine Lobotomie. Dieses Foto erschien 1941 in einem begeisterten Zeitungsartikel über die neuen Methode. © historisch

Das sah auch das Nobelpreis-Komitee so und zeichnete Moniz für diese Therapie aus. In einem späteren Kommentar schreibt Komitee-Mitglied Bengt Jansson vom Karolinska Institut: „In meinen Augen gibt es keinen Zweifel daran, dass Moniz den Nobelpreis damals verdient hatte“, so der Mediziner. „Denn damals gab es keine Alternativen und die Lobotomie machte das Leben für einige Patienten und ihre Umgebung tatsächlich erträglicher.“

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Lobotomie als Allheilmittel

Doch Moniz Entdeckung und ihre öffentlichkeitswirksame Verbreitung durch Freeman und andere, hatte fatale Folgen. Denn sie löste einen wahren Boom der Lobotomien aus. Vor allem in den USA galt das von Freeman weiterentwickelte „minimalinvasive“ Verfahren fast schon als Allheilmittel. Er kurierte seine Patienten, indem er ihnen teilweise ohne Betäubung ein scharfes, eispickelartiges Instrument an den Augäpfeln vorbei ins Gehirn trieb und damit die Nervenbahnen zerstörte.

Wahllos wurde dieses „Eispickel“-Verfahren allein in den USA an zehntausenden von Patienten angewendet – kuriert werden sollte damit nahe alles von der Depression über Angststörungen und Schizophrenie bis hin zu „Hysterie“. In den 1950er Jahre meinte man damit sogar Homosexualität, eine kommunistische Gesinnung und Gewalttätigkeit beseitigen zu können.

Rosemary Kennedy (vordere Reihe ganz rechts) war in diesem Familienportrait der Kennedys von 1931 noch ein normales, fröhliches Mädchen. 1941 wurde sie durch eine Lobotomie zur Schwerbehinderten. © Historisch/ Richard Sears

Das Mädchen Rosemary

Statt als Methode der letzten Wahl galt der Eingriff als einfaches Mittel, um unliebsame und unbequeme Verwandte ruhigzustellen. Einer der bekanntesten Fälle dieser Art ist Rosemary Kennedy, die Schwester des später US-Präsidenten John F. Kennedy. Die 1918 geborene Rosemary war Legasthenikerin und war möglicherweise leicht geistig gehindert. Dennoch machte sie einen Abschluss in Montessori-Pädagogik und führte zunächst ein völlig normales Leben.

Doch weil Rosemary als schwer zu bändigen, jähzornig und impulsiv galt, ließ ihr Vater sie 1941 einer Lobotomie unterziehen. Der Eingriff galt damals auch als probates Mittel, um „überschießende Triebe“ zu besänftigen. Für die junge Frau war dies fatal. Sie wurde durch die Lobotomie zur Schwerbehinderten und verbrachte den Rest ihres Lebens in einer Heilanstalt – inkontinent, kindlich vor sich hinbrabbelnd und teilweise an den Rollstuhl gefesselt.

In den USA wurde die Lobotomie noch bis Ende der 1960er Jahre hinein praktiziert – trotz wachsender Zweifel und Kritik. Mindestens 40.000 Menschen, so schätzt man, unterzogen sich dort dieser Prozedur – oft nicht freiwillig und ohne zu wissen, was dies für sie bedeutete. Ausgerechnet die Sowjetunion verbot die Lobotomie bereits im Jahr 1950 – weil sie „den Prinzipien der Menschlichkeit widerspricht“. Deutschland und Japan folgten bald danach.

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Nadja Podbregar
Stand: 02.10.2015

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Noble Irrtümer
Wo selbst Nobelpreisträger falsch lagen

Krebs durch Parasiten?
Fibinger und der fiese Fadenwurm

"Klebrige Nervenbahnen"
Der Fall Moniz und die Lobotomie

Das falsche Element
Irrtümer und "halbe Sachen" in der Physik

Trügerische Kristalle
Stanley und das Tabakmosaikvirus

Biochemische Verwirrungen
Fehlschlüsse bei Makromolekülen und Enzymen

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