Kein Blut, kein Hirn, kein Herz - scinexx | Das Wissensmagazin
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Kein Blut, kein Hirn, kein Herz

Nesseltiere - Organismen der Superlative

Qualle Mertensia ovum fischt unter arktischem Eis. © Elisabeth Calvert / NOAA

Sie haben kein Blut, kein Hirn und kein Herz und sind doch Organismen der Superlative: die Nesseltiere, wissenschaftlich Cnidaria genannt, gemeinhin wohl besser als Seeanemonen, Quallen und Korallen bekannt. Sie haben jeden Lebensraum unter Wasser erobert, von der Antarktis bis in die Tropen, von der Tiefsee bis ins Süßwasser, ihre Fähigkeit zur Regeneration ist legendär, und neueste Befunde zeigen, dass die Komplexität ihres Erbguts dem der Wirbeltiere erstaunlich nahe kommt. Was weiß man noch über die vermeintlich schlichten Wesen und ihre bemerkenswerten Fähigkeiten?

Nesseltiere bestehen zu 99 Prozent aus Wasser und gehören zu den ältesten heute noch lebenden Tieren. Sie sind lebende Fossilien und stehen an der Basis der Evolution aller höheren Tiere, nahe dem Übergang von der einzelligen zur mehrzelligen Organisationsstufe. Nachgewiesen wurden Nesseltiere bereits in den Fossilien der Ediacara-Fauna vor 600 Millionen Jahren, lange bevor die Mehrheit aller heute bekannten Tierstämme in der so genannten kambrischen Explosion entstanden ist.

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Gastrula-Stadium als Endstation

Nesseltiere bleiben in ihrer Entwicklung auf dem so genannten Gastrula-Stadium stehen: Sie besitzen nur eine Körperachse, die zu einem Sackdarm führt, in den Nahrung hineinfließt und aus dem in umgekehrter Richtung Unverdauliches ausgeschieden wird. Höher entwickelte Tiere durchlaufen diese Entwicklungsstufe nur als kurzes Zwischenstadium, aus dem heraus sich ein Organismus mit Mund- und Darmöffnung entwickelt.

Nesseltiere besitzen ein primitives Nervensystem, das als einfaches neuronales Netz organisiert ist. Ein zentrales Nervensystem fehlt, manche verfügen allerdings bereits über komplexe Augen und andere Sinnesorgane.

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Festsitzende Polypen und freischwimmende Quallen

Nesseltiere treten häufig in zwei Formen auf: als festsitzende Polypen und als freischwimmende Quallen (Medusen), deren grazile Schönheit der berühmte Zoologe Ernst Haeckel in seinem Buch „Kunstformen der Natur“ eindrucksvoll dokumentiert hat. Viele Polypenstöcke der Korallen haben als Gestein und Riff bildende Formen im wahrsten Sinne des Wortes unsere Erdgeschichte geprägt.

Berühmt ist auch die seit der Antike bekannte, nahezu unbegrenzte Regenerationsfähigkeit der Tiere: Ähnlich der aus der griechischen Mythologie bekannten vielköpfigen „Hydra von Lerna“ können viele Polypen ihre mit giftigen Nesselzellen besetzten Köpfe regenerieren.

Manche Nesseltiere zählen zu den giftigsten Tieren der Welt. Ein Beispiel ist die tropische Seewespe, eine Würfelqualle, die sich von Fischen ernährt – ein Kontakt mit ihr kann auch für den Menschen tödlich enden. Aber auch schon die Begegnung eines Schwimmers mit weitaus weniger gefährlichen Quallen oder Polypen kann bekanntlich sehr schmerzhafte Spuren hinterlassen.

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Thomas W. Holstein / Forschungsmagazin „Ruperto Carola“ der Universität Heidelberg
Stand: 02.07.2009

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Sprungbrett der Evolution
Was Hohltiere vom Werden der Menschen verraten

Kein Blut, kein Hirn, kein Herz
Nesseltiere - Organismen der Superlative

Entladung in Nanosekunden
Gefährliche Nesselzellen

Uralte Wnt-Gene
Entwicklung der Nesseltiere auf der Spur

Nesseltiere und Wirbeltiere ähnlicher als gedacht
Vielfalt der Signalwege bereits im Erbgut der Cnidaria angelegt

Champions der Regeneration
Nesseltiere können verlorene Gliedmaßen und innere Organe neubilden

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