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In der „verbotenen Zone“

Gefahrenzone, Refugium und Forscherparadies in einem

Wir sind in der Chernobyl Exclusion Zone, dem rund 2.200 Quadratkilometer großen Sperrgebiet rund um die Reaktorruine von Tschernobyl. Wegen der noch immer hohen Strahlenbelastung darf in hier niemand wohnen. Die ehemals regen Orte Prypjat und Tschernobyl sind heute ausgestorben, halbverfallene Geisterstädte.

Bis zu 15 Feuer brechen in der Sperrzone rund um Tschernobyl pro Jahr aus - das birgt eine doppelte Gefahr. © FEMA

Feurige Gefahr

Es brennt in der Sperrzone rund um Tschernobyl – jedes Jahr immerhin bis zu 15 Mal. Allein im Frühjahr 2015 vernichtete ein solches Feuer 350 Hektar Wald, und das nur 14 Kilometer von der Reaktorruine von Tschernobyl entfernt. Für die Umwelt ist dies jedoch eine gleich doppelte Bedrohung.

Sollte das Feuer auf das Gelände des Kernkraftwerks übergreifen, könnten wichtige Kühl- und Schutzsysteme ausfallen. Schlimmstenfalls käme es zu Löchern im Sarkophag und einer unkontrollierten Freisetzung von Radioaktivität. Die zweite Gefahr geht vom Unterholz, den Bäumen und dem Boden der Sperrzone selbst aus: Geht dies in Flammen auf, werden die in ihnen gespeicherten Radionuklide freigesetzt und gelangen in die Luft.

Bei drei Bränden der letzten Jahre entsprach die Menge an neu freigesetztem Cäsium-137 immerhin rund acht Prozent des Fallouts während der Tschernobyl-Katastrophe, wie Forscher 2015 berichteten. Und sie schätzen, dass in den oberen Bodenschichten und in altem Laub des größtenteils bewaldeten Gebiets noch immer zwei bis acht Petabecquerel allein an radioaktivem Cäsium enthalten sind. Durch den Klimawandel könnten Brände in der Sperrzone häufiger und gravierender werden und so für eine neue Welle des Fallouts über halb Europa sorgen.

Elchkuh mit Jungen in der Sperrzone von Tschernobyl © Valeriy Yurko/Polessye State Radioecological Reserve

Paradies für Wissenschaftler – und einige Wildtiere

Doch trotz dieser Gefahren ist die „verbotene Zone“ für die Wissenschaft ein wahres Paradies. Denn hier können sie erstmals erforschen, wie die Natur auf die Folgen einer Atomkatastrophe reagiert. So haben Forscher inzwischen festgestellt, dass sich zumindest einige Vögel langfristig an eine erhöhte Strahlung anpassen können: Ihr Körper produziert mehr schützende Moleküle und kurbelt die Reparatur-Mechanismen an.

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Allerdings scheint dies für Vögel mit besonders farbigem Federkleid offenbar nicht zu gelten. Ihre Zahlen sanken nach dem Atomunfall rund um Tschernobyl drastisch. Forscher vermuten, dass der hohe Aufwand, um das farbige Pigment zu erzeugen, ihre internen Schutzmechanismen hemmt und sie dadurch anfälliger für Zellschäden macht. Bei einigen Tieren häufte sich zudem eine krankhafte Trübung der Augenlinse und bei Kiefern im Sperrgebiet wurden vermehrt Mutationen und verfärbte Nadeln gefunden.

Für größere Wildtiere wie Wölfe, Elche, Hirsche und Wildschweine hat sich die Sperrzone trotz der erhöhten Strahlung sogar zu einem echten Refugium entwickelt. Sie sind dort heute zahlreicher als vor dem Atomunglück. „Das heißt jedoch nicht, dass die Strahlung gut für die Natur ist“, betont er Biologe Jim Smith von der University of Portsmouth. „Es zeigt nur, dass die Auswirkungen der menschlichen Besiedlung, darunter die Jagd, Land- und Forstwirtschaft, noch schlimmer sind.“

In den Jahren nach dem Atomunfall von Tschernoobyl schnellte die Zahl der Schilddrüsenkrebs-Fälle bei Kindern aus der Umgebung drastisch in die Höhe. © KGH / CC-by-sa 3.0

Schicksal Krebs

Für die ehemaligen Bewohner der „verbotenen Zone“ waren die Folgen jedoch weit weniger glimpflich. Schon in den ersten Jahren nach dem Atomunfall registrierten Ärzte in der Umgebung einen starken Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen. Die Häufigkeit dieser normalerweise unter Kindern seltenen Krebsart schnellte plötzlich auf das bis zu Zehnfache an, rund 5.000 Fälle sind bisher bekannt.

Genanalysen zeigen, dass bei vielen dieser Kinder Veränderungen im Erbgut nachweisbar sind, wie sie typischerweise durch Strahleneinfluss auftreten können. Bei ihnen waren Genabschnitte so umgelagert, dass dadurch Onkogene miteinander verschmolzen waren, wie US-Mediziner 2013 herausfanden. Diese Mutationen wiederum förderten die Entstehung des Schilddrüsenkrebses.

In Bezug auf andere Krebsarten jedoch, sind die Daten bisher weit weniger eindeutig. Auch zu den Gesundheitsfolgen für Teile Europas, die in den Tagen nach dem Atomunfall durch den radioaktiven Fallout kontaminiert wurden, gibt es kaum gesicherte Erkenntnisse. Einer der Gründe: Viele Krebsarten manifestieren sich erst mit mehreren Jahrzehnten Verzögerung.

Zudem ist es angesichts der generell hohen Krebsraten und der Vielzahl möglicher Auslöser enorm schwer, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen einem Krebsfall und einer möglichen Strahlenbelastung nachzuweisen. Wie viele Menschen daher tatsächlich als Spätfolge der Atomkatastrophe von Tschernobyl erkrankt und gestorben sind – oder vielleicht noch erkranken werden, bleibt unbekannt.

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Nadja Podbregar
Stand: 22.04.2016

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

30 Jahre Tschernobyl
Der größte Atomunfall der Geschichte, eine Ruine und die Folgen

Die Vorgeschichte
Eine Katastrophe bahnt sich an

Der Unfall
Der GAU ist nicht zu stoppen

Tödliche Terra inkognita
Uranlava, ein löchriger Sarkophag und viel Staub

Hochradioaktive Brühe
Die Tschernobyl-Ruine hat ein Wasserproblem

Koloss auf Schienen
Eine neue Schutzhülle für den Reaktor

In der "verbotenen Zone"
Gefahrenzone, Refugium und Forscherparadies in einem

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