In den Krallen der Inquisition - scinexx | Das Wissensmagazin
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In den Krallen der Inquisition

Wie Galilei seinen Lehren abschwört

Basilika Santa Maria sopra Minerva in Rom © Jensens / gemeinfrei

22. Juni 1633, die Basilika Santa Maria sopra Minerva in Rom. Still, aber angespannt ist die Stimmung in der prächtigen Dominikanerkirche. Schon seit einiger Zeit finden in ihr immer wieder Prozesse gegen Menschen statt, die in Widerspruch zur Lehre der christlichen Kirche geraten sind. Dieses Mal jedoch hat sich das Inquisitionsgericht einen besonderen „Ketzer“ herausgepickt, der hier im Namen Gottes und der katholischen Kirche bestraft werden soll: Galileo Galilei.

Lebende Legende

Schon zu Lebzeiten gilt er als Legende, als außergewöhnlicher Physiker, Mathematiker und Astronom. Mit viel Akribie, Scharfsinn und Forscherdrang sowie ein bisschen Glück sind ihm in den letzten rund 50 Jahren viele neue Entdeckungen und Erfindungen gelungen. Er hat den freien Fall enträtselt und mit einem neuen Wunderding, dem Fernrohr, vier Jupitermonde entdeckt sowie die wahre Natur der Milchstraße erkannt.

Die Basilika von innen © Jean-Christophe Benoist /GFDL

Doch er hat auch öffentlich und vehement eine Meinung vertreten, die nicht ins damalige kirchliche Weltbild passt: Die Erde steht nicht im Mittelpunkt des Universums. Dort befindet sich die Sonne, um die sich alle Planeten drehen. Und dafür muss sich Galilei nun verantworten. Als der mittlerweile gebrechliche alte Mann im Büßergewand die Basilika betritt, ist jedoch alles schon gelaufen. Das Urteil steht längst fest und wird verlesen: Schuldig im Sinne der Anklage. Sieben der zehn Kardinäle und Generalinquisitoren haben diese Entscheidung gefällt. Die Strafe: Kerkerhaft und Verbot der Lehrtätigkeit.

Darüberhinaus wird der eigentliche Stein des Anstoßes, Galileos Hauptwerk „Dialogo di Galileo Galilei sopra i due Massimi Sistemi del Mondo Tolemaico e Copernicano“ (Dialog über die zwei wichtigsten Weltsysteme) auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Und er muss seinen Ansichten abschwören.

Galilei vor der Römischen Inquisition © Joseph Nicolas Robert-Fleury / gemeinfrei (Copyright expired)

Die Kirche hat immer Recht

Galilei kniet deshalb nieder vor den Anwesenden Kirchenfürsten und verliest mit fester Stimme einen vorbereiteten Text. „Ich, Galileo, Sohn des Vinzenz Galilei aus Florenz, siebzig Jahre alt, stand persönlich vor Gericht […]. Ich [..] schwöre, dass ich immer geglaubt habe, auch jetzt glaube und mit Gottes Hilfe auch in Zukunft glauben werde, alles, was die heilige katholische und apostolische Kirche für wahr hält, predigt und lehrt. Es war mir von diesem Heiligen Offizium von Rechts wegen die Vorschrift auferlegt worden, dass ich völlig die falsche Meinung aufgeben müsse, dass die Sonne der Mittelpunkt der Welt ist, und dass sie sich nicht bewegt, und dass die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt ist, und dass sie sich bewegt. Es war mir weiter befohlen worden, dass ich diese falsche Lehre nicht vertreten dürfe, sie nicht verteidigen dürfe und dass ich sie in keiner Weise lehren dürfe, weder in Wort noch in Schrift. Es war mir auch erklärt worden, dass jene Lehre der Heiligen Schrift zuwider sei. Trotzdem habe ich ein Buch geschrieben und zum Druck gebracht, in dem ich jene bereits verurteilte Lehre behandele und in dem ich mit viel Geschick Gründe zugunsten derselben beibringe, ohne jedoch zu irgendeiner Entscheidung zu gelangen. Daher bin ich der Ketzerei in hohem Maße verdächtig befunden worden, darin bestehend, dass ich die Meinung vertreten und geglaubt habe, dass die Sonne Mittelpunkt der Welt und unbeweglich ist, und dass die Erde nicht Mittelpunkt ist und sich bewegt.“

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Klappe zu für den Fall Galilei

Doch das reicht noch nicht aus, das weiß Galilei. Deshalb ergänzt er noch ohne zu zögern: „Ich möchte mich nun vor Euren Eminenzen und vor jedem gläubigen Christen von jenem schweren Verdacht, den ich gerade näher bezeichnete, reinigen. Daher schwöre ich mit aufrichtigem Sinn und ohne Heuchelei ab, verwünsche und verfluche jene Irrtümer und Ketzereien und darüber hinaus ganz allgemein jeden irgendwie gearteten Irrtum, Ketzerei oder Sektiererei, die der Heiligen Kirche entgegen ist.[…]“

Damit ist der Fall Galilei für die Kirche und die speziell die Inquisitoren abgeschlossen. Das Weltbild ist wieder gerade gerückt. Doch ist Galilei auch tatsächlich geläutert? Beim Verlassen der Basilika murmelt er angeblich ein paar Worte vor sich hin: „Und sie (gemeint ist die Erde) dreht sich doch!“ Aber das ist Legende. Doch warum musste es überhaupt zu diesem Showdown vor der heiligen Inquisition kommen? Wie ist Galilei in diese missliche Lage geraten?

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Stand: 30.04.2010

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Galileo Galilei
Wissenschafts-Genie und Revolutionär

In den Krallen der Inquisition
Wie Galilei seinen Lehren abschwört

Karriere im Zick-Zack-Modus
Wie Galilei zum Forscher wurde

Galilei im freien Fall
Eine schiefe Ebene und noch viel mehr

Exkurs: Alles dreht sich – aber um was?
Geo- und heliozentrisches Weltbilder

Das Fernrohr enträtselt den Himmel
Wie Galilei die Astronomie voran bringt

Die Sonne im Visier
Galilei als Fan des heliozentrischen Weltbildes

Vom Forscher zum Ketzer
Galilei wird angeklagt

Showdown in Rom
Galilei vor Gericht

Galilei: ein Mythos bröckelt
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