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Hürdenlauf und Namensspiel

Vom unbekannten Fund zur neuen Art

„Neue Arten sind nicht wirklich neu, sie sind nur neu für uns. Diese Lebewesen existieren seit Millionen von Jahren, und wir haben gerade jetzt das Glück, sie zu finden und die Technologie an der Hand zu haben, um sie zu untersuchen“, erklärt Census-Forscher Steven Haddock vom Monterey Bay Aquarium Research Institute.

Diese vermutlich neue Art aus der Ordnung der Narcomedusae, quallenartiger Nesseltiere, wurde zuerst 2002 südlich von Banks Island in der kandadischen Arktis gesammelt und dann 2005 erneut gefunden und fotografiert. © R. Gradinger and B. Bluhm / UAF / ArcOD

Begegnungen der unbekannten Art

Die Begegnung mit unbekannten Lebewesen ist für die Census-Forscher inzwischen fast schon Alltag – immerhin haben sie bisher mehr als 5.300 neue Arten entdeckt. In jedem Liter Meerwasser stoßen sie auf Dutzende Spezies, die bisher noch nicht beschrieben sind. „Jedes Mal, wenn ich marine Lebewesen unter dem Mikroskop betrachte, bin ich fasziniert und erstaunt von ihrem Reichtum an Farben und Formen, aber auch von ihrer Schönheit und der Bizarrheit einiger ihrer Anhänge und Details“, erklärt Heloise Chenelot, Meeresforscherin von der Universität von Alaska in Fairbanks und Teilnehmerin am Census-Küstenprojekt NaGISA.

Den Namen eines Tieres nicht zu kennen oder es noch nie gesehen zu haben, beweist allerdings noch lange nicht, dass es sich auch um eine neue, zuvor unbekannte Art handelt. Bis dies feststeht, müssen die Forscher einen langen vielstufigen Prozess durchlaufen, an deren Ende – vielleicht – die Beschreibung einer neuen Spezies steht.

Diese neue Krabbenart, Kiwa hirsuta, trägt den Spitznamen "Yeti-Krabbe". Sie wurde vor der Easter Island Microplate, einer kleinen Erdkrustenplatte unmittelbar westlich der Osterinsel, entdeckt. Sie © IFREMER, A. Fifis, 2006, Buch "Schatzkammer Ozean"

Geduldsspiel Taxonomie

Der erste Schritt in diesem Hürdenlauf beginnt unmittelbar nach der Entdeckung des Tieres: Es wird fotografiert, gezeichnet, konserviert und in vielen Fällen entnehmen die Census-Forscher auch eine Gewebeproben, um später eine DNA-Analyse durchführen zu können. Im nächsten Schritt geht es darum sicherzustellen, dass das Lebewesen nicht doch schon irgendwo beschrieben oder katalogisiert worden ist: Kollegen werden befragt, Literatur gewälzt und, wenn vorhanden, Datenbanken, durchforstet. In einigen Fällen existieren sogar schon Exemplare in Museumsbeständen, die in Vergessenheit gerieten oder nie genauer untersucht worden sind. Erst der Vergleich mit der neu entdeckten Art enthüllt dann ihre wahre Identität.

Ist dann klar, dass es sich wirklich um eine neue Art handelt, dann ist akribische Puzzlearbeit gefragt: Das Tier muss in allen Einzelheiten beschrieben und kategorisiert werden, jede Borste, jeder Farbtupfer und jedes noch so unscheinbare Anhängsel müssen gezeichnet, in Worte gefasst und mit anderen verwandten Arten verglichen werden.

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Dieser spektakuläre blauäuigige Einsiedlerkrebs ( Paragiopagurus diogenes) ist ein Beispiel für eine Census-Entdeckung, die mehr Fragen als Antworten aufwirft. Das leuchtende Gold auf den Scheren dieses Krebses, der auf dem Atoll French Frigate Shoals vor den Nordwestlichen Hawaii- Inseln gefangen wurde, ist ein bisher unbekanntes Phänomen. Wissenschaftler glauben, dass es der Kommunikation dient. © Susan Middleton, aus dem Buch "Schatzkammer Ozean"

Sag mir wie du heißt…

Und einen Namen braucht der Neuling natürlich auch noch. Der „Vorname“, der die Gattungszugehörigkeit angibt, ist in der Regel durch die Verwandtschaftsverhältnisse vorgegeben, der zweite, der eigentliche Artname aber, ist frei wählbar. Hier können die Wissenschaftler ihre Kreativität spielen lassen. Oft werden der Finder, der Fundort oder eine besondere Eigenschaft des Tieres verewigt, manchmal aber auch ein besonders verdienter Forscher oder ein Förderer der Forschung. So tauften die Census-Forscher einen neu entdeckten Tintenfisch Promachoteuthis sloani, zu Ehren der Sloane Foundation, deren Geld das Census-Projekt überhaupt erst möglich machte.

Im letzten Schritt des „Hürdenlaufs“ zur neuen Art reichen die Wissenschaftler dann die Beschreibung samt Namen zur Veröffentlichung in einer der taxonomischen Fachzeitschriften ein. Erst, wenn die Gutachter das Ganze nochmals geprüft und für gültig befunden haben, ist die neue Spezies offiziell in die „Gemeinschaft der Arten“ aufgenommen.

Bestätigung erst nach Jahren

Insgesamt dauert dieser strenge wissenschaftliche Prüfprozess Jahre, unter anderem auch deshalb, weil geübte Taxonomen – Forscher, die auf das Erkennen und Beschreiben von Arten spezialisiert sind – inzwischen rar geworden sind. Im Census-Buch „Schatzkammer Ozean“ schätzt Philippe Bouchet vom Naturkundemuseum Paris, dass die rund 3.800 Taxonomen weltweit pro Jahr 1.400 neue marine Arten beschreiben können. Bei dieser Geschwindigkeit würde es über fünf Jahrhunderte dauern, bis alle verbliebenen unbekannten marinen Arten entdeckt, überprüft, beschrieben und benannt sind. Kein Wunder also, dass von den bisher rund 5.300 potenziell neuen Tierarten des Census erst 110 offiziell abgesegnet sind.

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Nadja Podbregar
Stand: 26.02.2010

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Wunderwelt Ozean
Zehn Jahre Volkszählung im Meer - „Census of Marine Life“

Wie alles begann
Die Anfänge des Census of Marine Life

Weltraum unter Wasser
Die Technologie der Census-Projekte

Das Geheimnis des "White Shark Cafés"
Biologger und neue Markierungsmethoden

Hürdenlauf und Namensspiel
Vom unbekannten Fund zur neuen Art

DNA-Barcoding
DNA-Schnipsel erleichtern Bestimmung und Artenschutz

Die lebende Haut der Tiefe
Was den Tiefseeschlamm mit dem tropischen Regenwald verbindet

Von Pol zu Pol
Überraschende Funde in Arktis und Antarktis

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