Heimvorteil ade? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Heimvorteil ade?

Eine Fußballlegende im Wissenschafts-Test

Das Green Point Stadium in Kapstadt – eine der Spielstätten © RossW / gemeinfrei

Südafrika hat bei der WM im eigenen Land allenfalls Außenseiterchancen. Zu schwach, zu wenig kreativ, so lautet das Urteil vieler Experten über das Nationalteam mit dem Spitznamen Bafana Bafana. Aber da ist ja noch der nicht zu unterschätzende Heimvorteil, mag so mancher denken.

Dabei soll die Anfeuerung durch die vielen tausend heimischen Fans dafür sorgen, dass die eigene Mannschaft vor Tatendurst nur so sprüht und am Ende den Sieg sicher stellt. Die Fußball-Europameisterschaft 2008, bei der die Gastgeber Schweiz und Österreich schon in der Vorrunde ausschieden, scheint diese Theorie jedoch zu widerlegen. Und auch eine Studie Dortmunder Wissenschaftler nährt die Zweifel an der Korrektheit der Annahme.

Dortmunder Fußballfans © Florian K. / GFDL

Leistungsdichte schmälert Heimvorteil

Die Forscher um Eva Heinrichs von der Technischen Universität haben im Jahr 2008 alle Spiele der deutschen Bundesliga sowie der spanischen, englischen und italienischen Liga untersucht. Das Ergebnis war eindeutig: Zwar gibt es noch immer einen gewissen Heimvorteil, doch der ist im Vergleich zu den 1970er und 1980er Jahren in letzter Zeit immer geringer geworden. Gingen beispielsweise in der Bundesligasaison 1987/88 noch in durchschnittlich 55,8 Prozent der Matches die Heimmannschaften als Sieger vom Platz, waren es 2006/07 nur noch 43,8 Prozent. Fazit der Forscher: „Von Heimvorteil kaum noch eine Spur.“

Die Ursachen für diese Entwicklung sind noch nicht endgültig geklärt. Die Wissenschaftler um Heinrichs vermuten aber, dass die zunehmende Leistungsdichte im modernen Profifußball den Heimvorteil immer weiter reduziert.

Heimrecht im Rückspiel kein Vorteil

Unterstützung erhielten Heinrichs & Co im April 2010 durch Wissenschaftler der Universität München. Die Statistiker Manuel Eugster, Jan Gertheiss und Sebastian Kaiser untersuchten in einer Studie die KO-Spiele der Fußball Champions League seit der Saison 1995/95. Resultat: das Heimrecht im Rückspiel ist anders als bisher vermutet auch hier kein großer Vorteil für eine Fußballmannschaft. Die Forscher konstatierten stattdessen, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit in erster Linie von der Stärke der jeweiligen Mannschaft abhängt.

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„Unser Ergebnis zeigt, dass die bisherige Praxis der UEFA, im Achtelfinale immer dem Gruppensieger das Heimrecht im Rückspiel zu geben, diesem gar keinen Vorteil bietet“, sagt Kaiser. „Es wäre wahrscheinlich sinnvoller, die Gruppensieger wählen zu lassen, ob sie lieber im Hin- oder im Rückspiel zuhause spielen möchten. Ein derartiges Verfahren eröffnete zudem die für uns – und für die Fußballer – interessante Option, mit Hilfe anderer statistischer Modelle zu analysieren, ob ein bestimmtes Team im Rückspiel besser mit einem Heim- oder einem Auswärtsspiel beraten ist.“

Elfmeter - Tor oder kein Tor? © Markbarnes / GFDL

Elfmeterschützen zeigen Nerven

Zumindest einen Aspekt, der dazu beiträgt, dass der Vorteil des Heimrechts immer weiter schwindet, haben Forscher der Universität Bonn und des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) aufgedeckt. Sie überprüften in einer Studie, wie gut Elfmeterschützen in der Bundesliga bei einem Heim- beziehungsweise Auswärtspiel ins Tor treffen. Die dabei ermittelte Bilanz war ebenso eindeutig wie überraschend: Im eigenen Stadion und vor heimischer Kulisse werden deutlich weniger Elfmeter verwandelt – vor allem wenn diese auf das Tor geschossen werden, hinter dem die gegnerischen Fans stehen.

IZA-Wissenschaftler Thomas Dohmen äußerte in einem Beitrag für die Fernsehsendung „Nano“ eine Vermutung, warum das so sein könnte: „Vielleicht ist es die Kombination ‚Erwartung der eigenen Fans‘ plus ‚Konfrontation mit den feindseligen Gesichtern der gegnerischen Fans beim Strafstoß‘, die zur höheren Versagensquote führt.“

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Dieter Lohmann
Stand: 11.06.2010

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

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Ein Sport im Spiegel der Wissenschaft

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