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Heiligt der Zweck die Mittel?

Sabotage im Namen der Natur

Mai 1987: In einem Sägewerk im Norden Kaliforniens reißt ein gesprungenes Sägeband dem Mitarbeiter George Alexander beinahe den Kopf ab. Auslöser des Unfalls ist ein Sechs-Zoll-Nagel aus Stahl, auf den die Säge beim Zerteilen eines Baumstamms getroffen ist. Solche Nägel verwenden Umweltschützer, um Holzfällern das Leben schwer und ihre Arbeit unwirtschaftlich zu machen. Durch „tree spiking“ mit Stahlstiften oder Keramikstäben versehene Bäume sollen Kettensägen aufhalten und Sägewerke zum Stillstand bringen.

Logo der Organisation "Earth First!" - mit Schaubenschlüssel zum "monkeywrenching" © Earth First! / gemeinfrei

Populär wurde die Methode in den 1970er Jahren durch den ursprünglichen Kopf der Organisation „Earth First!“, den US-Amerikaner Dave Forman. Er propagierte die gezielte Sabotage im Namen des Umweltschutzes und prägte den Begriff des „monkeywrenching“, was sich am ehesten mit „schraubenschlüsseln“ übersetzen lässt. Foremans Buch „Ecodefense: A Field Guide to Monkeywrenching“ ist noch heute eine vielbeachtete Quelle für Umweltaktivisten. Eine deutsche Übersetzung existiert zwar, ist aber im freien Handel nicht erhältlich.

Nicht erwischen lassen

Das Buch enthält nicht nur Ratschläge, wie in Bäume eingeschlagene Nägel wirkungsvoll die Holzwirtschaft ruinieren. Daneben finden sich unter anderem auch Anleitungen, wie man am besten einen Bulldozer lahmlegt, ein Abflussrohr verstopft, einen Zufahrtsweg möglichst effektiv mit Nägeln bestreut oder gleich komplett unbenutzbar macht. Auch in der mittlerweile dritten Auflage geben sich die inzwischen zahlreichen verschiedenen Autoren nicht der Illusion hin, solche Vorgehensweisen seien anerkannt oder legal: Viele der Anleitungen enthalten Tipps wie „Fingerabdrücke abwischen“, „Material nicht in der eigenen Nachbarschaft einkaufen“ oder schlicht „nicht erwischen lassen.“

Tree spiking ist deshalb so beliebt, weil es sich schnell und heimlich mit einfachem Material durchführen lässt. Der Schaden für die Holz-Unternehmen war in einigen Fällen beachtlich: Neben den Schäden durch die Nägel selbst reichte manchmal schon die Ankündigung, ein Waldgebiet sei mit Nägeln durchsetzt. Als Folge war kein Versicherungsunternehmen mehr bereit, das Holzfällen dort abzusichern.

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Holzfirmen prangerten die Sabotage-Technik als gefährlichen Angriff auf die Gesundheit der Waldarbeiter an – eine Kettensäge, die auf Metall im Holz trifft, kann zerreißen und scharfe Bruchstücke wie Schrapnell herum schleudern. Umweltschützer hielten lange dagegen, dass kein Arbeiter wegen tree spiking verletzt oder gar getötet worden sei.

Keine Kompromisse

Der Unfall, der George Alexander fast das Leben kostete, änderte jedoch einiges: „tree spiking“ ist in den USA seit 1988 per Gesetz eine Straftat. Ob der in diesem Fall verantwortliche Nagel von einem „Earth First!“-Mitglied angebracht wurde, ist zweifelhaft – dennoch erklärte die damalige Sprecherin der Gruppe, Judi Bari, die Methode im Jahr 1990 für zu gefährlich und riet zukünftig davon ab. Sie betonte außerdem das gewaltfreie Konzept des Widerstands.

Manche Aktivisten wollen die einfache und effektive Methode jedoch nicht aufgeben, und machen auch vor extremeren Mitteln nicht halt. Getreu dem ursprünglichen Motto von „Earth First!“ wollen sie „Keine Kompromisse bei der Verteidigung von Mutter Erde!“ eingehen. Mit dieser Motivation entstand schließlich 1992 in Großbritannien die „Earth Liberation Front“, die sich mit ihren direkten Aktionen innerhalb der folgenden zehn Jahre ins Zentrum der Aufmerksamkeit des FBI bombt und brennt.

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Ansgar Kretschmer
Stand: 31.10.2014

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Ökoterrorismus
Wer terrorisiert wen?

Brandstiftung zum Schutz der Wälder
Umweltschützer im Visier der Terroristenjäger

Heiligt der Zweck die Mittel?
Sabotage im Namen der Natur

"Schnappt sie euch!"
Terror gegen Tierquäler

Ermittlungsarbeit im Regenwald
Geheimdienst-Methoden gegen skrupellose Holzfäller

Neptuns Navy im Kampf für die Wale
Radikaler Umweltschutz auf hoher See

Seeschlachten im Südpolarmeer
"Piraten" gegen Japans Walfänger

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